Seit Jahrzehnten schaffen es Ingenieure, immer mehr Daten auf immer kleineren Speicherchips aus Silizium unterzubringen. Soll die Miniaturisierung jedoch weitergehen und zugleich die Leistungsfähigkeit der Chips zunehmen, müssen in absehbarer Zeit andere Materialien her. Kandidaten sind etwa Kohlenstoffnanoröhren oder Graphen, Blätter aus einer einzigen Lage von Kohlenstoffatomen. Beide haben aber einen Haken: Sie eignen sich (noch) nicht für eine Massenproduktion und können nicht in bestehende Fertigungsprozesse integriert werden.
Wissenschaftler der Rice University in Houston, Texas, haben nun einen Verwandten von Nanotubes und Graphen im Visier: das gute alte Graphit, das uns in „Bleistiften“ begegnet. Der Chemiker James Tour und sein Mitarbeiter Alexander Sinitskii haben daraus einen Speicher-Prototyp mit hoher Datendichte hergestellt, der Ähnlichkeiten mit den zum Beispiel in MP3-Playern genutzten Flash-Speichern hat. Wie diese kommt der Graphit-Speicher ohne bewegliche Teile aus, was ihn stoßunempfindlicher als Festplatten macht, die mit Feinmechanik arbeiten.
Im Unterschied zu Flash-Speichern könnten Graphit-Speicher Daten länger halten und übereinander gestapelt werden. Damit ließe sich auf derselben Fläche zehnmal so viel Information abgelegt werden wie in heutigen Flash-Speichern.
Der Grundaufbau sieht so aus: Zwischen zwei Elektroden befindet sich eine Graphit-Schicht auf einem Silizium-Substrat. Legt man eine Spannung an, bildet sich im Graphit ein Riss (siehe Bild) – und dieser wird für die Darstellung von Bitwerten ausgenutzt. Ein Riss bedeutet eine „1“, die glatte Schicht stellt eine „0“ dar. Ob ein Riss vorliegt, können die Forscher mit einer niedrigeren Spannung ermitteln. Überschrieben wird er mit einer höheren Spannung, die ihn glättet und zum Verschwinden bringt.
James Tour räumt allerdings ein, dass er noch nicht genau verstehe, warum die Risse in den Graphit-Schichten entstehen. Er vermutet, dass die Spannung im Kohlenstoff Zonen erzeugt, die mit dem Silizium darunter reagieren. Dadurch bekommen sie eine charaktistische elektrische Signatur, die man zum Auslesen des Datenelements nutzen kann.
Weil die Information in einer Veränderung der atomaren Struktur besteht, ist der Graphit-Speicher robuster als ein Flash-Speicher. In dem werden Bits als elektrische Ladungen in den so genannten Gatterelektroden von Transistoren vorgehalten, die aber allmählich aus der Elektrode entweichen – die Ladungsmenge nimmt mit der Zeit ab. Die Transistorarchitektur in Flash-Speichern macht es zudem schwerer, sie in dreidimensionalen Anordnungen zu verdrahten. Beim Graphit-Speicher hingegen müssen nur einander abwechselnde Materialschichten verbunden werden.
Firmen wie IBM oder SanDisk arbeiten seit Jahren an dreidimensionalen Speicherkonzepten. Für James Tour ist das der nächste große Trend: „Wenn Sie in fünf Jahren nicht mit 3D-Speichern im Geschäft sind, sind sie ganz raus aus dem Speicher-Business.“
„Der Ansatz ist viel versprechend“, lobt Victor Zhirnov von der Semiconductor Research Corporation die Arbeit von Tour und Sinitskii. Die Graphit-Speicher-Prototypen sind im Lesen und Schreiben bereits so schnell wie Flash-Speicher – bei niedrigeren Spannungen, was Energie spart. Das Marktpotenzial könne man aber noch nicht abschätzen, sagt Zhirnov, solange der exakte Mechanismus des Graphit-Speichers nicht aufgeklärt sei.
Das Graphit-Element könnte auch für die rekonfigurierbaren FPGA-Chips interessant werden (FPGA steht für „field-programmable gate array“), die etwa in Radios eingesetzt werden. Allerdings können ihre Schaltkreise nicht beliebig oft umkonfiguriert werden. Könnte man die verschiedenen Logikeinheiten in FPGA-Chips mit den Graphit-Elementen verbinden, würden sie beliebig oft umprogrammierbar, sagt Tour.
Die Rice-Wissenschaftler haben sich deshalb mit dem Start-up NuPGA zusammengetan, das die Graphit-Technologie in FPGA-Chips umsetzen will. Für die Speicheranwendung gebe es ebenfalls einen Interessenten, den Namen der Firma will Tour aber nicht verraten. Er geht davon aus, dass ein marktreifes Produkt frühestens in acht Jahren fertig sein wird. Jetzt gehe es erst einmal darum, die Zuverlässigkeit zu erhöhen und die Fertigung zu verbessern.
Quelle :
http://www.heise.de/tr/