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Info Corner / Internet-via-Sat, Datendienste / IPTV / Videoportale / Internet TV & Radio => # News diverses ... => Thema gestartet von: SiLæncer am 08 Januar, 2005, 11:45

Titel: Über dem Gesetz - die politische Klasse
Beitrag von: SiLæncer am 08 Januar, 2005, 11:45
Die Diskussion um Nebeneinkünfte von Parlamentariern zieht immer weitere Kreise. Eine Hamburger Privatbank zahlt dem FDP-Bundestagsabgeordneten Funke jeden Monat Geld, berichtet der SPIEGEL. Im Fall Laurenz Meyer werden Untreuevorwürfe gegen RWE-Mitarbeiter laut. Die Länder fordern nun eine klare Regelung.

Hamburg - Rainer Funke, Justitiar der FDP-Bundestagsfraktion, bestätigte die Zahlungen der Privatbank M.M. Warburg. "Über mein Gehalt wurde Stillschweigen vereinbart", sagte Funke dem SPIEGEL. Er arbeitet als Geschäftsführer der Hamburgischen Immobilien Handlung (HIH), einer Tochter der Bank. Bei der HIH "nehme ich an Sitzungen der Geschäftsleitung teil und erledige juristische Fragestellungen sowie einzelne Geschäftsvorgänge", sagte er. Er sei kein Lobbyist, und er habe seine Tätigkeit dem Bundestagspräsidenten von Anfang an mitgeteilt.

Verdacht der Untreue bei RWE

Nach wie vor ungeklärt ist, mit welcher Begründung der ehemalige CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer im Juli 2000 rund 160.000 Mark von seinem ehemaligen Arbeitgeber, der VEW AG, bekommen hatte. Deswegen gehen Vorstände und Aufsichtsräte der RWE, die inzwischen mit der VEW verschmolzen ist, davon aus, dass Mitarbeiter des Konzerns mit den Zahlungen Untreue begangen haben. Es gebe einen "begründeten Anfangsverdacht", hieß es. Die Staatsanwaltschaft Dortmund prüft nun, ob sie - aufgrund der Anzeige einer Privatperson - ein Ermittlungsverfahren in der Sache einleitet.

Meyer hatte zunächst behauptet, es habe sich bei der Überweisung um eine Abfindung gehandelt. Im Mai 2000 sei diese fällig geworden, weil er seinen Vertrag ein Jahr zuvor habe ruhen lassen. Als der Betrag jedoch im Juli 2000 überwiesen wurde, war Meyer bereits wieder offiziell für das Unternehmen tätig. Nach dem die öffentlich bekannt geworden war, räumte Meyer ein, dass es sich bei der Zahlung doch nicht um eine Abfindung gehandelt habe. Wofür er das Geld tatsächlich erhalten hatte, ließ der Politiker offen. RWE erklärte offiziell, die Zahlung sei versehentlich erfolgt und beruhe auf einem Kommunikationsfehler.

Länder fordern einheitliche Regeln

Auf Landesebene soll es Recherchen des SPIEGEL zufolge künftig einheitliche Standards beim Umgang mit Nebeneinkünften geben. Der bayerische Parlamentspräsident Alois Glück, Vorsitzender der Landtagspräsidenten-Konferenz, will in Kürze mit seinen Kollegen das Thema auf einem Treffen beraten. Volksvertreter, kündigte er bereits an, dürften grundsätzlich kein Geld für Lobbyarbeit annehmen. "Die Fälle der letzten Wochen haben der Politik insgesamt geschadet", so Glück.

Der designierte CDU-Generalsekretär Volker Kauder regte die Einsetzung einer unabhängigen Kommission an, die Reformvorschläge für die Verhaltensregeln von Parlamentariern ausarbeiten soll. "Wir müssen ganz neu über den Status der Abgeordneten nachdenken", forderte Kauder, der für ein möglichst rigides Regelwerk eintritt. Den Volksvertretern soll danach grundsätzlich untersagt werden, während der aktiven Zeit neue Tätigkeiten in der Privatwirtschaft anzunehmen. Dringend geboten erscheint ihm zudem, Angehörigen bestimmter Berufsgruppen nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag Sperrzeiten aufzuerlegen.

NRW-Abgeordnete wollen Diäten erhöhen

Die nordrhein-westfälischen Landtagsabgeordneten streben nach Angaben der "Rheinischen Post" eine andere Lösung an: Sie wollen ihre Diäten offenbar von monatlich 4807 Euro auf 9500 Euro nahezu verdoppeln. Im Gegenzug sollen aber die steuerfreien Pauschalen, Übergangsgelder und die Altersvorsorge entfallen. Die Regierungsparteien SPD und Grüne wollen dieses Konzept demnach noch vor der Landtagswahl im Mai verabschieden.

Bundespräsident Horst Köhler hat unterdessen die Medienberichterstattung in der Diskussion um Nebentätigkeiten von Abgeordneten kritisiert. Köhler sagte der "Rheinischen Post", solche Tätigkeiten würden von vielen Medien zu schnell und pauschal in die Ecke einer "Raffke-Mentalität" geschoben. "Die Diskussion verläuft teilweise so, dass ich Sorge habe, sie könnten pauschal das Ansehen der Politiker herabsetzen. Das wäre eine gefährliche Entwicklung", wurde der Bundespräsident zitiert. Köhler äußerte sich besorgt, dass sich die Abgeordneten zunehmend aus Verbandsvertretern und öffentlichen Bediensteten zusammensetzten.

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Über dem Gesetz - die politische Klasse
Beitrag von: SiLæncer am 28 Mai, 2007, 12:32
Bundestagspräsident Lammert will die Diäten erhöhen. Völlig inakzeptabel, sagt Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim, zumal es nicht das einzige verwerfliche Vorhaben sei: Die Parteien wollten außerdem mehr Staatsgeld - und die Kontrolle von Missbräuchen lahmlegen.

Das wäre die Aufgabe des Bundestagspräsidenten: Er sollte die verfassungswidrigen Teile der Diätenregelung bereinigen, die längst überfällige Strafbarkeit von Abgeordnetenkorruption durchsetzen und die rechtswidrige Blockade der Publikation der Höhe von Nebeneinkünften der Abgeordneten endlich aufheben. Was macht Norbert Lammert stattdessen? Er tut, als gäbe es diese schwerwiegenden Mängel nicht, und denkt laut über Diätenerhöhungen nach. Doch das ist noch nicht alles. Auch die Parteien wollen mehr Staatsgeld, und gleichzeitig planen sie in aller Stille, die Kontrolle von Missbräuchen lahmzulegen.

Dass die steuerfreie Kostenpauschale von Bundestagsabgeordneten von monatlich 3720 Euro verfassungswidrig ist, rügen Fachleute seit langem. Bisher fehlte es allerdings an einem einschlägigen Urteil. Doch das wird sich jetzt ändern: Seit einigen Monaten befasst der Bundesfinanzhof sich mit der Pauschale und hat dem Bundesfinanzministerium und dem Bundestag eine Fülle peinlicher Fragen gestellt, in denen klar durchscheint, dass er die Pauschale für verfassungswidrig hält und eine entsprechende Entscheidung zu erwarten ist.

Die Korruption von Parlamentariern ist in Deutschland praktisch straflos. Das nötige Gesetz dagegen müssten die Abgeordneten selbst erlassen. Die aber wollen von ihren unzeitgemäßen Privilegien nicht lassen. Sie können praktisch von jedermann Geld oder andere Vergünstigungen entgegennehmen, ohne den Staatsanwalt fürchten zu müssen. Das will eine UN-Konvention ändern, die schon über 90 Staaten ratifiziert haben. Doch der Bundestag sträubt sich gegen ihre Ratifikation.

Regelrechter Gesetzesbruch

Und einen regelrechten Gesetzesbruch übergeht der Bundestagspräsident mit Stillschweigen: Seit mehr als einem Jahr müsste er die Höhe der Nebeneinnahmen von Abgeordneten veröffentlichen. So steht es im neuen Abgeordnetengesetz, das der Bundestag im Jahr 2005 verabschiedet hat. Doch Lammert ignoriert das Gesetz, weil die Sache beim Verfassungsgericht anhängig ist. Dieses Nichtstun ist ein krasser Rechtsverstoß - und das vom zweiten Mann im Staat! Lammert dürfte den Vollzug des Gesetzes nur aussetzen, wenn das Bundesverfassungsgericht eine dahingehende einstweilige Anordnung erlassen hätte. Dies ist aber nicht der Fall, und eine solche Anordnung war von den Abgeordneten, die gegen das Gesetz klagen, auch gar nicht beantragt worden.

Die Parteien wollen sich ebenfalls bedienen. Auch sie machen die unerwartet sprudelnden Steuergelder sinnlich. In aller Stille haben ihre Schatzmeister - wie mir bekannt geworden ist - bereits eine massive Aufstockung der Staatsfinanzierung abgesprochen, offenbar in einer Höhe, die sogar über das rechtlich zulässige Maß hinausgeht. Die Parteien sollten lieber darüber nachdenken, den Vorschlag der von Bundespräsident von Weizsäcker einberufenen Kommission von unabhängigen Sachverständigen zur Parteienfinanzierung endlich umzusetzen. Sie fordert, die Bemessungsmaßstäbe so festzulegen, dass "die Staatsleistungen insgesamt in einigem Abstand unterhalb der absoluten Obergrenze verbleiben", das heißt: deutlich niedriger ausfallen als bisher.

Hinzu kommt: Unzulässige Spenden sollen demnach offenbar nicht mehr "unverzüglich" der Verwaltung gemeldet werden müssen, um Strafsanktionen zu vermeiden. Das gäbe den Parteien die Möglichkeit, in Zukunft solche Spenden erst zu melden, wenn sie merken, dass ihnen die Verwaltung auf die Schliche zu kommen droht.

Wie immer, wenn die politische Klasse in eigener Sache mauschelt, bleibt Öffentlichkeit die einzige Kontrolle. Nichts fürchten die Abgeordneten und die Schatzmeister der Parteien mehr.

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Bundestag stellt Nebeneinkünfte ins Netz
Beitrag von: SiLæncer am 05 Juli, 2007, 14:02
Joschka Fischer hat mindestens 84.000 Euro zusätzlich zu seinen Abgeordneten-Diäten verdient, Friedrich Merz 56.000, Angela Merkel allein ihr Kanzlergehalt. Seit heute sind die Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten veröffentlicht. Kritiker fordern weit genauere Angaben.

Berlin - Die Angaben wurden auf die Internet-Seiten der einzelnen Abgeordneten des Bundestags gestellt (www.bundestag.de). Zu jedem Parlamentarier sind unter dem Stichwort "Veröffentlichungspflichtige Angaben" Tätigkeiten und Funktionen neben dem Mandat, das mit 7009 Euro brutto monatlich vergütet wird, seit der vorigen Bundestagswahl aufgeführt. Daraus resultierende Einnahmen werden nicht konkret genannt. Nach einem dreistufigen System ist allerdings ablesbar, ob die Einkünfte sich zwischen 1000 und 3500 Euro (Stufe 1) bewegen, ob sie bis 7000 Euro betragen (Stufe 2) oder mehr als 7000 Euro (Stufe 3). Unberücksichtigt blieben insbesondere Aufwendungen, Werbungskosten und sonstige Kosten aller Art.B

Neun Abgeordnete hatten zuvor gegen die Veröffentlichung geklagt und waren gestern vor dem Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe gescheitert. - darunter der frühere Unionsfraktionschef Friedrich Merz (CDU). Er und die acht weitere Kläger hatten bezweifelt, dass die verschärfte Transparenzregelung mit dem grundgesetzlichen Status der "Freiheit des Abgeordneten" und den Grundrechten auf informationelle Selbstbestimmung und Berufsfreiheit vereinbar ist. Bei Merz wurden nun für 2007 neben seiner Anwaltstätigkeit insgesamt zehn Funktionen in Unternehmen aufgeführt sowie weitere in verschiedenen Vereinen und Verbänden. Bei seinen Tätigkeiten für Unternehmen, darunter als Aufsichtsratsmitglied und Beiratsvorsitzender, wurden acht Funktionen mit einer Brutto-Einnahme von mehr als 7000 Euro jährlich aufgelistet. Zu den Unternehmen zählen unter anderen BASF und AXA.

Kritik von Transparency

Die Liste der Nebeneinkünfte weist mancherlei Kuriosität auf. Im Eintrag der Abgeordneten Angela Merkel (CDU) heißt es in der Rubrik "Entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat" wörtlich: "Bundeskanzlerin, Berlin, monatlich Stufe 3." Damit wird ausgewiesen, dass Merkel für ihre Arbeit als Bundeskanzlerin mehr als 7000 Euro pro Monat bezieht. In dieselbe Verdienstkategorie fallen Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) und die anderen Minister mit Parlamentsmandat: Auch bei ihnen ist für ihre "Nebentätigkeit" im Bundeskabinett jeweils die Stufe 3 genannt.

Klarer sind die Angaben zum Beispiel bei Ex-Außenminister Joschka Fischer. Er hat elf Nebenverdienste, die ihm mindestens 7000 Euro eingebracht haben (Stufe 3), zusätzlich zwei der Stufe 2 (jeweils mindestens 3500 Euro). Kläger Friedrich Merz kommt mindestens auf 56.000 Euro, achtmal Stufe 3, bei Oskar Lafontaine ist nur seine - inzwischen eingestellte - Autorenschaft für den Springer-Verlag angegeben (Stufe 2). Gregor Gysi kommt auf mindestens 38.000 zusätzlich.9

Der Anti-Korruptionsorganisation Transparency International gehen die Angaben nicht weit genug. Grundsätzlich sei er aber sehr froh über das Urteil, sagte Deutschland-Chef Hansjörg Elshorst der "Neuen Presse" aus Hannover. Er kritisierte jedoch, dass die Einkünfte der Abgeordneten künftig nur in Stufen veröffentlicht werden. "Besser wäre eine Regelung wie in den Niederlanden, wo jede Nebentätigkeit auf Heller und Pfennig genau angegeben wird." Er fügte hinzu: "Wir hätten uns auch vorstellen können, dass Abgeordnete alle Nebenjobs erst vom Bundestagspräsidenten genehmigen lassen müssen."

http://www.bundestag.de/mdb/bio/index.html

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Offenlegung von Abgeordneten-Nebeneinkünften im Ausland gängige Praxis
Beitrag von: SiLæncer am 05 Juli, 2007, 16:10
Die vom Bundesverfassungsgericht für rechtens erklärte Offenlegung der Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten ist im benachbarten Ausland zum Teil seit Jahren gängige Praxis. So führen im Europäischen Parlament so genannte Quästoren (Abgeordnete, die sich um die inneren Angelegenheiten des Parlaments kümmern) ein Register über "berufliche Tätigkeiten sowie alle sonstigen gegen Entgelt ausgeübten Funktionen oder Tätigkeiten" der Abgeordneten. Die Angaben müssen jährlich aktualisiert werden.

In Großbritannien müssen Abgeordnete mögliche Nebeneinkünfte seit Jahrzehnten offen legen. Die aus dem Jahre 1974 stammende Gesetzgebung verpflichtet alle Parlamentarier, sämtliche Nebenverdienste anzugeben, wenn diese mehr als ein Prozent der Diäten ausmachen. Mieteinnahmen müssen deklariert werden, wenn sie 10 Prozent der Diäten übersteigen, Immobilien und Aktien ab 100 Prozent. Das Register kann im Internet eingesehen werden. Diese Transparenz hat dafür gesorgt, das es in Großbritannien seit langer Zeit keinen Skandal um Nebeneinkünfte gegeben hat.

In Italien dürfen Abgeordnete laut Gesetz einen "zivilen" Beruf ausüben, auch Beraterverträge sind möglich. Tatsächlich gehen zahlreiche Parlamentarier Nebentätigkeiten nach, auch Anwälte von Ex- Ministerpräsident Silvio Berlusconi saßen schon im Parlament. Verboten ist hohen Regierungsvertretern jedoch unterdessen, Unternehmen zu leiten. "Sie dürfen sie – wie im Fall von Berlusconis Mediaset – besitzen, aber nicht selbst führen", sagt der deutsche Politologe Michael Braun. Eine Publizitätspflicht herrscht für die Einnahmen bei der Steuererklärung, jedoch bleibt der Grund für die Einnahmen häufig unklar – was wiederum einigen Spielraum für Korruption lässt, sagt Braun.

In Frankreich sind mit dem Mandat unvereinbar nur bestimmte private Tätigkeiten mit finanziellen Beziehungen zur Öffentlichen Hand oder im Immobilienbereich. Rechtsanwälte dürfen keine Strafprozesse gegen den Staat führen oder Privatkonzerne vertreten. Beamte werden für die Zeit des Mandates beurlaubt, erwerben aber weiter Rentenansprüche und werden nach Dienstalter befördert.

In Österreich dürfen Abgeordnete jährlich 1.123,30 Euro aus Nebeneinkünften beziehen. Sie müssen alle Nebeneinkünfte einer Kommission melden und ihre Vermögensverhältnisse darlegen. Die Angaben sind aber nicht für jeden Bürger einsehbar. Berufliche Tätigkeiten außerhalb der Parlamentsaktivität müssen generell angemeldet werden; Freiberufler brauchen ihre Kunden oder Auftraggeber jedoch nicht zu nennen. Abgeordnete dürfen nicht mehr als zwei Einkünfte erzielen. Mandatsträger, die zusätzlich als Beamte tätig sind, dürfen maximal 75 Prozent des Vollgehalts beziehen.

In Belgien gibt es keine Verpflichtung der Abgeordneten, ihre Nebeneinkünfte zu veröffentlichen. Jedoch muss jeder Abgeordnete jährlich angeben, ob er eine Nebentätigkeit ausübt. Das wird einmal jährlich im belgischen Amtsblatt veröffentlicht, jedoch ohne die eventuell erzielten Einkünfte. Zu Beginn der Legislaturperiode müssen die Abgeordneten zudem ihr Vermögen angeben – in einem verschlossenen Umschlag, der nur im Fall einer gerichtlichen Untersuchung geöffnet werden darf. Hat ein Abgeordneter zusätzliche Einkünfte aus einem lokalen Mandat (etwa als Bürgermeister), so dürfen diese das anderthalbfache seiner Diäten nicht übersteigen.

In Spanien müssen Abgeordnete zwar bekannt geben, ob sie noch anderen Tätigkeiten nachgehen, sie sind aber nicht verpflichtet, die daraus erzielten Einkünfte offen zu legen.

Quelle : www.heise.de
Titel: BUNDESTAGSLISTE : Auskunft über Einkünfte verärgert Politiker
Beitrag von: SiLæncer am 05 Juli, 2007, 17:48
Die Offenlegung der Parlamentarier-Nebeneinkünfte sorgt für Zündstoff: Einige Politiker fühlen sich ungerecht behandelt, Kritiker fordern dagegen noch mehr Klarheit. Denn die jetzt geltende Regelung verschleiert eher als zu informieren.

Berlin - Bundestags-Vizepräsident Hermann Otto Solms (FDP) plädiert dafür, die Regeln angesichts des knappen Bundesverfassungsgericht-Urteils nochmals zu überprüfen. Dass vier Richter die Regelung kippen wollten, heiße schließlich, "dass im Grunde genommen beide Positionen zum Tragen gekommen sind", sagte er der "Thüringer Allgemeine". Das Gericht hatte gestern die Klagen von neun Parlamentariern gegen die 2005 geschaffenen Transparenzregeln abgewiesen. Vier der acht Richter des Zweiten Senats hielten die Klage für gerechtfertig - bei Stimmengleichheit gelten Klagen jedoch als abgewiesen.

Auch der SPD-Abgeordnete Peter Danckert - einer der neun Kläger - erwartet eine Novellierung der gesetzlichen Regelungen. "Ich glaube, dass das Parlament das Urteil nach einem gründlichen Studium zum Anlass nehmen wird, das Abgeordnetengesetz zu modifizieren", sagte er der "Berliner Zeitung". SPD-Fraktionschef Peter Struck sagte der "Märkischen Allgemeinen", er erwarte, "dass sich jeder an die Veröffentlichungspflicht hält".

Nach der neuen Transparenzregel müssen Abgeordnete ihre Nebentätigkeiten nur in drei Einkommensstufen angeben: Stufe 1 erfasst monatliche Einkünfte von 1000 bis 3500 Euro, Stufe 2 Einkünfte bis 7000 Euro und Stufe 3 Einkünfte über 7000 Euro. Die Angaben wurden auf die Internet-Seiten der einzelnen Abgeordneten des Bundestags gestellt (www.bundestag.de). Zu jedem Parlamentarier sind unter dem Stichwort "Veröffentlichungspflichtige Angaben" Tätigkeiten und Funktionen neben dem Mandat, das mit 7009 Euro brutto monatlich vergütet wird, seit der vorigen Bundestagswahl aufgeführt. "Die Einkünfte sind nach dem Bruttoprinzip erfasst, das heißt, die Höhe der Einkünfte bezeichnen nicht den wirtschaftlichen Gewinn aus einer Tätigkeit oder das zu versteuernde Einkommen." So ist es auf der Bundestags-Seite formuliert.

Kritiker fordern genaue Summen

Der Parteienrechtler Hans-Herbert von Arnim fordert nun die Offenlegung der exakten Summe der Nebeneinkünfte. "Der Wähler muss selbst einschätzen können, ob ein Abgeordneter Diener zweier Herren ist", sagte der Professor an der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer der Nachrichtenagentur AP.

Es sei ein "großes Privileg", dass deutsche Abgeordnete voll bezahlt würden und gleichzeitig einen Beruf ausüben können, ohne dass ihnen das angerechnet werde, erklärte von Arnim. "Das sollte man nicht verbieten." Durch die Berufsausübung behielten die Abgeordneten ihre Unabhängigkeit und seien weniger durch ihre Parteien erpressbar.

Von Arnim kritisierte auch Bundestagspräsident Norbert Lammert. Zwar sei anzuerkennen, dass dieser sofort nach dem Urteil aus Karlsruhe die Nebeneinkünfte im Internet veröffentlicht habe. Doch dies sei "auch ein Ausdruck schlechten Gewissens", glaubt von Arminder Professor. "Das Gesetz ist seit fast zwei Jahren in Kraft", betonte der Parteienforscher. Lammert hätte die Nebeneinkünfte demnach schon vor eineinhalb Jahren öffentlich machen müssen. Sein Verhalten bleibe ein "glatter Gesetzesbruch". Dieses Vorgehen sei einmalig in der deutschen Demokratie.

Auch der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International gehen die Regelungen nicht weit genug. "Wir erwarten mehr Offenheit von den Parlamentariern - vor allem eine genauere Aufschlüsselung der Zahlungen", sagte Deutschland-Geschäftsführer Christian Humborg der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung", das bisherige Regelwerk gehe nicht weit genug.

Dass der ehemalige Unionsfraktionschef Friedrich Merz, 51, ebenfalls einer der Kläger, zu den Gutverdienern unter den Bundestagsabgeordneten gehören würde, war angesichts der bekannten Liste seiner Nebentätigkeiten seit langem klar. Seit heute hat die Öffentlichkeit zumindest grobe Anhaltspunkte dafür, wie viel Geld Merz quasi nebenher noch verdient. In dem dreistufigen System dominiert bei Merz die Stufe drei. Allein für sein Engagement in Top-Gremien von acht Unternehmen bekam Merz im Jahr 2006 mindestens 56.000 Euro, sein anwaltlichen Einkünfte sind bislang noch nicht erfasst.

Kläger Merz ist nicht Spitzenverdiener

Mit seinen Einnahmen ist Merz allerdings vermutlich noch lange nicht Spitzenreiter der Nebenverdiener. Der frühere Minister für Forschung und Technologie (1982-1993), Heinz Riesenhuber, stieß 2006 nach den erkennbaren Mindesteinnahmen in deutlich höhere Sphären vor als Merz. Riesenhuber saß in neun Unternehmen im Aufsichts-, Verwaltungs- oder Beirat. Die jeweils mit "Stufe 3" eingeordneten Entgelte betrugen damit mehr als 63.000 Euro. Eifrige Vortragsredner sind unter anderem der ehemalige SPD-Arbeitsminister Walter Riester und FDP-Chef Guido Westerwelle.

Klar sind die Angaben zum Beispiel bei Ex-Außenminister Joschka Fischer. Er hat elf Nebenverdienste, die ihm mindestens 7000 Euro eingebracht haben (Stufe 3), zusätzlich zwei der Stufe 2 (jeweils mindestens 3500 Euro). Bei Oskar Lafontaine ist nur seine - inzwischen eingestellte - Autorenschaft für den Springer-Verlag angegeben (Stufe 2). Gregor Gysi kommt auf mindestens 38.000 zusätzlich.

Die Liste der Nebeneinkünfte weist mancherlei Kuriosität auf. Im Eintrag der Abgeordneten Angela Merkel (CDU) heißt es in der Rubrik "Entgeltliche Tätigkeiten neben dem Mandat" wörtlich: "Bundeskanzlerin, Berlin, monatlich Stufe 3." Damit wird ausgewiesen, dass Merkel für ihre Arbeit als Bundeskanzlerin mehr als 7000 Euro pro Monat bezieht. In dieselbe Verdienstkategorie fallen Vizekanzler Franz Müntefering (SPD) und die anderen Minister mit Parlamentsmandat: Auch bei ihnen ist für ihre "Nebentätigkeit" im Bundeskabinett jeweils die Stufe 3 genannt.

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Massive Kritik an Veröffentlichungen zu Abgeordneten-Nebeneinkünften
Beitrag von: SiLæncer am 06 Juli, 2007, 10:29
Die teilweise Veröffentlichung der Nebeneinkünfte von Bundestagsabgeordneten im Internet hat massive Kritik ausgelöst. Während sich Anwaltsverbände gegen jede Veröffentlichung wandten, forderte der Verwaltungswissenschaftler Hans Herbert von Arnim eine weiter gehende Transparenz. Wie die Anti-Korruptions-Organisation Transparency International befürwortete er in einem Gespräch mit der dpa detailliertere Angaben zu den Nebeneinkünften. Sie werden bislang nur in Größenordnungen genannt.

Der SPD-Abgeordnete Peter Danckert, der mit acht Kollegen vor dem Bundesverfassungsgericht gegen das Gesetz geklagt hatte, sieht erheblichen Änderungsbedarf. Das Gesetz verfehle seine eigentlichen Ziele, sagte er dem Tagesspiegel. Es sei nicht zu erkennen, ob die Parlamentarier in der Ausübung ihres Mandats beeinträchtigt würden. Er forderte schnelle Änderungen an dem Gesetz.

Der CSU-Abgeordnete Max Straubinger, ebenfalls einer der Kläger, sagte der Passauer Neuen Presse": "Praktikabel ist die Regelung nicht." Frühere Berufe vor der Abgeordnetentätigkeit und dann hinzu gekommene müssten unterschiedlich behandelt werden. Uwe Küster, Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, sagte dem Blatt: "Das Urteil war nur ein Sieg dritter Klasse. Rechtsfrieden erhalten wir damit nicht." Er forderte: "Wir müssen die Regelung noch mal im Herbst entlang der Argumente der Verfassungsrichter überarbeiten."

Von Arnim sagte: "Wenn das, was die Karlsruher Kläger nun veröffentlicht haben, wirklich alles ist, versteht man nicht, warum sie überhaupt geklagt haben." Falls sich herausstelle, dass die Veröffentlichungen im Internet noch nicht den Anforderungen des Gesetzes entsprächen, stelle sich die Frage nach der Verantwortlichkeit für diese Panne – entweder des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) oder der betroffenen Abgeordneten.

Schwierigkeiten für die zahlreichen Anwälte unter den Parlamentariern beklagte der Präsident der Bundesrechtsanwaltskammer, Bernhard Dombek. Wenn sie nur wenige Mandate wahrnähmen, lasse sich auch von einer pauschalen Angabe möglicherweise auf ihre Mandanten schließen, sagte er dem Tagesspiegel. "Es wird in Zukunft schwieriger, die Tätigkeit als Parlamentarier für Freiberufler interessant zu machen", sagte der Präsident des Deutschen Anwaltsvereins, Hartmut Kilger, dem Blatt.

Auf der Internet-Seite des Bundestages werden drei Kategorien für die einmaligen oder regelmäßigen Hinzuverdienste der Abgeordneten mitgeteilt: zwischen 1000 und 3500 Euro, zwischen 3500 und 7000 Euro und mehr als 7000 Euro. Wer unter 1000 Euro im Monat oder 10.000 Euro im Jahr bleibt, muss nichts melden.

Quelle : www.heise.de
Titel: Nebeneinkünfte: SPD hadert mit der Brutto- netto- Falle
Beitrag von: SiLæncer am 07 Juli, 2007, 10:32
Wie viel Transparenz soll es denn nun sein? Seit einem Tag sind die Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten veröffentlicht, zufrieden ist kaum jemand. Die Union peilt eine Überprüfung an, aber die SPD tut sich schwer mit einer Novelle.

Berlin - Die Nebeneinkünfte der Bundestagsabgeordneten liegen offen - doch für Klarheit sorgen sie nicht. Das zeigt sich beispielsweise am Fall Friedrich Merz, der einer der neun Kläger gegen die Neuregelung war: Der Ex-Fraktionschef der Union macht auf seiner Bundestags-Internetseite zwar Angaben zum jährlichen Einkommen aus "Funktionen in Unternehmen" - wie viel der Rechtsanwalt jedoch als Partner der weltweit tätigen Sozietät Mayer, Brown, Rowe & Maw verdient, bleibt offen.

Grund ist eine Regelung des Bundestagspräsidiums vom 30. Dezember 2005. Einkünfte aus Kapital- oder Personengesellschaften müssen demnach nicht veröffentlicht werden, wenn die Abgeordneten mit weniger als 25 Prozent daran beteiligt sind. "Friedrich Merz liegt deutlich darunter", erklärte das Büro des CDU-Politikers in Berlin auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Wie viel er damit tatsächlich verdient, bleibt also geheim.

Auch Fraktionskollege Siegfried Kauder (CDU), ein weiterer Kläger, ist an einer Kanzlei beteiligt und behält seine Einkünfte für sich - weil er ebenfalls mit weniger als 25 Prozent beteiligt ist. Bei einem anderen Kläger, dem FDP-Politiker Hans-Joachim Otto, greift die Ausnahmeregelung dagegen nicht mehr: Weil der Rechtsanwalt und Notar nach eigenen Angaben mit 33 Prozent an der Sozietät Kestler Mielert Otto beteiligt ist, muss er seine Einkunftsstufen bekannt geben.

Veröffentlicht sind sie bislang trotzdem nicht - weil das Bundestagspräsidium Ottos Angaben zufolge offenbar noch über seine Forderung berät, nicht nur auf die Bruttoeinnahmen, sondern auch auf die hohen Ausgaben seiner Kanzlei hinzuweisen. Allein sein Anteil daran liege bei mehr als 600.000 Euro pro Jahr, erklärte er gegenüber SPIEGEL ONLINE. Das tatsächliche Einkommen aus Nebentätigkeiten sei deshalb deutlich niedriger, betont er. Allein 2006 übte er laut einer SPIEGEL ONLINE vorliegenden Liste 134 Mandate und Aufträge über 1000 Euro aus.

Die Probleme, die das Gesetz im Detail aufwirft, werden auch in der SPD-Bundestagsfraktion gesehen. Dort will man aber, im Gegensatz zur teilweise harschen Kritik einzelner Abgeordneter aus Union, FDP und der eigenen Partei, grundsätzlich am Transparenzgesetz festhalten. Wenige Tage nach dem Urteil von Karlsruhe will die SPD nicht den Eindruck erwecken, als würde sie sofort an eine Überarbeitung denken.

SPD will sich mit Problemen im Detail beschäftigen

Trotzdem sehen führende Sozialdemokraten die Notwendigkeit, sich im Verlauf der kommenden Monate noch einmal mit den Details zu beschäftigen. Das geht aus einem Brief des Parlamentarischen SPD-Fraktionsgeschäftsführers Olaf Scholz an die Abgeordneten seiner Partei hervor, der SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Dort heißt es zunächst ausdrücklich: "Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts ist ein großer Erfolg für uns und ein Gewinn für die Demokratie." Damit erinnert Scholz noch einmal daran, dass das Transparenzgesetz unter Rot-Grün auf den Weg gebracht worden war. Allerdings kommt der Anwalt im letzten Absatz seines Briefes auch den Skeptikern in den eigenen Reihen entgegen: "Wir werden das Urteil und seine Begründung sowie die in der Praxis deutlich werdenden Probleme nun sorgfältig analysieren." Und weiter: "Gegebenenfalls werden wir dann praktikable Veränderungen für die Zukunft vorschlagen." Allerdings stellt Scholz auch fest, dass dies an der Veröffentlichung der Angaben "nichts" ändere.

Mit einer erneuten Befassung des Gesetzes wird in Koalitionskreisen im Herbst gerechnet. Bei der Union herrscht diese Bereitschaft. Bundestagspräsident Norbert Lammert hatte diese Woche nach dem gespaltenen Urteil der Verfassungsrichter erklärt, er rate nun noch einmal, sich "in Ruhe über die vorhandenen Regelungen zu beugen". Persönlich sei er nach wie vor nicht von ihrer Zweckmäßigkeit überzeugt, so der CDU-Politiker.

Brutto-Bestimmung ist problematisch

In SPD-Kreisen hält man vor allem die Bestimmung, wonach Abgeordnete ihre Brutto-Einkünfte angeben müssen, für problematisch. Das könne zu Verzerrungen in der öffentlichen Wahrnehmung der Abgeordneten-Einkünfte führen, hieß es.

Die Offenlegung der Nebeneinkünfte erfolgt in drei Gruppen: Stufe eins umfasst Einkünfte in Höhe von 1000 bis 3500 Euro, Stufe zwei von 3500 bis 7000 Euro, Stufe drei alles darüber. In SPD-Kreisen wurde heute auf zwei Probleme hingewiesen:

    * Wird etwa ein Parlamentarier von einer seiner Partei nahestehenden Stiftung zu einem Vortrag ins Ausland eingeladen, werden ihm in der Regel Flug- und Übernachtungskosten bezahlt. Belaufen sich diese beispielsweise auf 7500 Euro, muss er diese Kosten automatisch als Stufe drei angeben - obwohl er keine "Einkünfte" im klassischen Sinne erzielt hat.
    * Ein Abgeordneter, der etwa als Kfz-Händler von Beruf einen Gebrauchtwagen für 19.000 Euro erwirbt und diesen für 20.000 Euro weiterverkauft, muss den Brutto-Umsatz von 20.000 angeben. Er rutscht damit in Stufe drei - obwohl er einen Gewinn von nur 1000 Euro erzielt hat und eigentlich in Stufe eins aufgelistet werden müsste.


Allerdings wurde in SPD-Kreisen heute eingeräumt, dass Änderungen bei den Brutto-Umsätzen schwierig sein dürften. Schon das Bundesverfassungsgericht hatte in seinem Urteil auf das Problem hingewiesen, das sich bei der Angabe von Netto-Erlösen ergeben würde - wie es die Kläger vorgeschlagen hatten. Der "Nettoerlös" stehe in der Regel "mit hinreichender Gewissheit oft erst erhebliche Zeit nach Ablauf des Zeitraumes fest, innerhalb dessen die Anzeige ihren Zweck erfüllen soll", so die vier Richter, die die Klage abwiesen, in ihrem Urteil. Denn ein "Abstellen auf den Nettoerlös" drohe das gesetzgeberische Anliegen zu unterlaufen.

Im Klartext: Die vier Mehrheits-Richter - das Urteil endete mit einem Patt und damit ist eine Klage automatisch gescheitert - befürchten, dass sich ein Abgeordneter etwa mit seiner Steuererklärung Zeit lässt, um eine Veröffentlichung seiner Nebentätigkeiten zu verzögern. In Koalitionskreisen hieß es, das könnte etwa in Wahlkampfzeiten - ob zum Bundestag oder bei der parteiinterner Listenaufstellung - eine Rolle spielen.

SPD-Kläger Danckert sieht große Zustimmung

Auch Peter Danckert, prominenter SPD-Kläger in Karlsruhe, rechnet mit Änderungen. "Die Fraktionsspitze hat mich dazu ermuntert, in Karlsruhe zu klagen", so erinnert sich Danckert. "Was ich so in der SPD höre, wird man sich zusammensetzen und sehen, wie das Gesetz geändert werden kann", sagte er SPIEGEL ONLINE. Da müsse man "noch justieren und modifizieren". Danckert ist guter Dinge: "Aus der Fraktion habe ich Zustimmung und Ermunterung erhalten, sowohl vor der Klage als auch nachher."

Besonders offen zeigt sich der SPD-Bundestagsabgeordnete selbst bisher nicht. Auf seiner Bundestagsseite gibt es keine Angaben über Einnahmen. Dabei führt er eine überregionale Anwaltskanzlei, zudem saß Danckert im Aufsichtsrat der Marseille-Kliniken. "Ich habe meine Einkünfte schon dem Bundestagspräsidium gemeldet", behauptet er. "Dass sie noch nicht veröffentlicht wurden", sei nicht sein Problem, so Danckert.

"Im Moment will ich dazu nicht mehr sagen."

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Gleitende Arbeitszeit : Wie aus Politikern Manager und Aufsichtsräte werden
Beitrag von: SiLæncer am 31 Juli, 2007, 15:52
Die Offenlegung von so genannten Nebeneinkünften der Mitglieder des Bundestages hat neben mehreren Ungenauigkeiten und Uneinheitlichkeiten den elementaren Mangel, dass Posten, welche die Parlamentarier erst nach ihrem Ausscheiden aus dem Bundestag bekleiden, überhaupt nicht zu Buche schlagen. Somit bleibt völlig unberücksichtigt, ob Politiker, die in ihrer Amtszeit gravierende Weichenstellungen für Unternehmen getroffen haben, kurz nachher von diesen mit lukrativen Anstellungen bedacht werden, bzw. ihr Insiderwissen sofort nach Beendigung der Politikerlaufbahn in bare Münze verwandeln.

Nach prominenten Beispielen ranghoher Politiker, die vor ihrem Wechsel in die Wirtschaft wichtige Weichenstellungen für ihre zukünftigen Arbeitgeber betrieben, muss in Deutschland nicht lange gesucht werden:

Mehr... (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/25/25844/1.html)

Quelle : www.heise.de
Titel: Re: Gleitende Arbeitszeit : Wie aus Politikern Manager und Aufsichtsräte werden
Beitrag von: Chrisse am 31 Juli, 2007, 16:20
Entweder ich bin mal wieder blind, oder bei Heise ist der Artikel weg  :o, sprich mindestens im Moment nicht mehr vorhanden....
Titel: Re: Gleitende Arbeitszeit : Wie aus Politikern Manager und Aufsichtsräte werden
Beitrag von: Jürgen am 31 Juli, 2007, 16:30
Geht hier.
Titel: Re: Gleitende Arbeitszeit : Wie aus Politikern Manager und Aufsichtsräte werden
Beitrag von: Chrisse am 31 Juli, 2007, 16:32
B&B (blind und blöd) wer auf "Mehr" anstatt direkt auf Heise.de klickt hat mehr vom Leben.................

Edit und könnt schon wieder ko....
Titel: Re: Gleitende Arbeitszeit : Wie aus Politikern Manager und Aufsichtsräte werden
Beitrag von: Jürgen am 01 August, 2007, 00:58
Fürüher gab's in Hamburg eine schöne Tradition, die auf solche Zeitgenossen trefflich passen würde, Kalfatern und Kielholen.
Die Waterkant-Alternative zum Teeren und Federn...

All' diese Geirschlunde üben Verrat an denen, die ihnen, teils unter erheblichen Entbehrungen, viele Jahre lang und bis an ihr Lebensende ein treffliches Auskommen finanzieren, den Bürgern!

Die einzige legale und stets hartnäckig wiederholte Rechtfertigung für die sonst unmoralisch hohen Diäten und extrem Ruhestandsbezüge und sehr kurzen Anwartschafts-Zeiten ist doch immer die angebliche Sicherstellung der Unabhängigkeit von Abgeordneten und Ministern.
Offensichtlich 'rausgeschmissenes Geld...
Titel: Steuerzahler sollen Parteien sanieren
Beitrag von: SiLæncer am 19 August, 2007, 12:57
Den Parteien laufen die Mitglieder davon, die Beitragszahlungen schrumpfen. Nun wollen sie sich mit dem Griff in die Staatskasse sanieren: Die Große Koalition plant eine drastische Ausweitung der Parteienfinanzierung um 15 Prozent - 20 Millionen Euro mehr aus dem Steuertopf.

Hamburg - Die Zeitung "Bild am Sonntag" berichtete vorab unter Berufung auf ein internes Papier der Bundestagsfraktionen von Union und SPD, die staatlichen Zuschüsse sollten um 20 Millionen Euro von derzeit 133 Millionen Euro auf 153 Millionen Euro pro Jahr angehoben werden, was einer Steigerung um 15 Prozent entspricht. Diese Planungen gingen über das bisher bekannte Maß hinaus.

Die Koalitionsfraktionen bereiten dem Blatt zufolge einen entsprechenden Gesetzentwurf vor, der im Herbst im Bundestag beschlossen werden soll. Die Änderung des Parteiengesetzes soll 2008 in Kraft treten. Nach bisheriger Praxis stünde den Parteien eine Erhöhung lediglich um 7,8 Millionen Euro oder 5,9 Prozent zu. Üblich ist der Zeitung zufolge eine Steigerung der staatlichen Zuwendungen nach dem sogenannten Parteien-Index des Statistischen Bundesamtes.

Dieser Index soll sicherstellen, dass die Parteienfinanzierung an die allgemeine Preisentwicklung angepasst wird. Die letzte Erhöhung gab es 2002. Die Vorgaben des Statistischen Bundesamts will die Große Koalition nun ignorieren.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion Volker Beck sagte der Zeitung: "Mit uns gibt es nur eine Erhöhung nach dem üblichen Index. Für eine darüber hinausgehende Steigerung sehen wir keine Begründung - wir würden ihr im Bundestag nicht zustimmen."

Der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl Heinz Däke, sagte der Zeitung: "Das ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten." Mit 133 Millionen Euro erhielten die Parteien aus dem Staatshaushalt einen hohen Zuschuss. Es könne nicht Aufgabe der Steuerzahler sein, Wahlwerbung wie Kugelschreiber, Luftballons und anderen Schnickschnack zu finanzieren. "Etwas mehr Bescheidenheit ist durchaus angebracht. Um das finanzielle Wohl unserer Parteien muss sich niemand sorgen", sagte er.

Die Fraktionen von Union und SPD wollten sich der Zeitung zufolge zu ihren Plänen nicht äußern.

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Re: Steuerzahler sollen Parteien sanieren
Beitrag von: Jürgen am 19 August, 2007, 13:08
Auch eben gefunden:


P121  ARDtext So 19.08.07   12:51:34
 
      Nachrichten tagesschau

 20 Millionen mehr für Parteien?        
                                       
 In der Großen Koalition wird weiter über eine Erhöhung der staatlichen Zu-
 schüsse an die Parteien diskutiert.
   
 Nach Informationen der "BamS" sollen die Zuschüsse um 15 Prozent oder 20   
 Millionen Euro auf 153 Millionen Euro steigen. Ähnliches hatte bereits die   
 "Rheinische Post" berichtet. Dort war von mindestens zehn Millionen Euro mehr
 die Rede. SPD und CDU haben bestätigt, dass sie über eine Erhöhung beraten.
 
 Mit dem Geld sollen die sinkenden Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen aus-
 geglichen werden.
 

 Quelle: VideoText der ARD
 
 Von mir aus gerne, WENN alle Bürger geringen Einkommens dieselbe Erhöhung bekommen, also Geringverdiener, Arbeitslosen- und Sozialgeldempfänger usw.

 [zynismus]
 Und ich will jetzt nicht als Gegenargument hören, das faule Pack hätte das nicht verdient.
 Ich bin nämlich der Ansicht, dann man Parteien nicht pauschal als faul bezeichnen kann, allenfalls diverse ihrer Abgeordneten und Funktionäre...
 [/zynismus]

 Jürgen

p.s. Das würde auch ganz gut in den Gier-Thread (http://beta.dvbcube.org/index.php?topic=21923.0) passen, finde ich...
Titel: Empörung über Parteien-Bereicherung
Beitrag von: SiLæncer am 20 August, 2007, 09:17
Die Parteien wollen die Gunst der Großen Koalition nutzen, um ihre Finanzprobleme mit einer drastischen Erhöhung der staatlichen Zuschüsse zu lösen. Politiker kleiner Parteien und Verfassungsrechtler protestieren - sie halten den Griff in die Staatskasse für unzulässig.

Berlin - Erst gab es nur Gerüchte, doch dann verdichteten sich die Hinweise: Die großen Parteien hatten in aller Stille einen Gesetzentwurf vorbereitet, der ihnen schon bald frisches Geld in die leerer werdenden Kassen spülen soll. Jetzt sind die Pläne öffentlich - und schon erhebt sich Protest.

Für die Grünen ist die Sache klar: "Mit uns gibt es nur eine Erhöhung nach dem üblichen Index", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen, Volker Beck. "Für eine darüber hinausgehende Steigerung sehen wir keine Begründung - wir würden ihr im Bundestag nicht zustimmen." Sinkende Mitgliederzahlen seien "kein Anlass, in einer Höhe jenseits eines Inflationsausgleichs in die Staatskassen zu greifen." Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn sprach in dem Zusammenhang von "politischer Perversion".

Auch der Präsident des Bundes der Steuerzahler, Karl Heinz Däke, rügte: "Das ist an Dreistigkeit kaum zu überbieten." Mit 133 Millionen Euro erhielten die Parteien aus dem Staatshaushalt bereits einen hohen Zuschuss. "Es kann nicht Aufgabe der Steuerzahler sein, Wahlwerbung wie Kugelschreiber, Luftballons, Lollis und anderen Schnickschnack zu finanzieren." Däke mahnte deshalb zu mehr Bescheidenheit. "Um das finanzielle Wohl unserer Parteien muss sich niemand sorgen."

Grund für die Empörung sind Pläne der großen Koalition, den Parteien deutlich mehr Geld aus Steuermitteln zukommen zu lasen. Der SPD-Innenexperte Dieter Wiefelspütz bestätigte das Vorhaben, nach dem die Fraktionen von Union und SPD die staatlichen Zuschüsse um 20 Millionen Euro von derzeit 133 Millionen Euro auf 153 Millionen Euro pro Jahr anheben wollen. Dies entspräche einer Steigerung um 15 Prozent.

Die Fraktionen bereiten einen entsprechenden Gesetzentwurf vor, der im Herbst im Bundestag beschlossen werden soll. Die Änderung des Parteiengesetzes soll 2008 in Kraft treten. Nach bisheriger Praxis stünde den Parteien eine Erhöhung lediglich um 7,8 Millionen Euro oder 5,9 Prozent zu.

"Da passieren die merkwürdigsten Dinge"

Parteienrechtler wie Hans Herbert von Arnim halten die geplante Bereicherung allerdings für verfassungsrechtlich unzulässig. Die übermäßige Erhöhung widerspreche dem wegweisenden Urteil zur Parteienfinanzierung, das die Karlsruher Verfassungsrichter 1992 gefällt hatten. Daraus gehe hervor, dass die staatlichen Zuschüsse für die Parteien nur gemäß des relevanten Preisindexes gesteigert werden dürfen. Seit der letzten Anhebung im Jahr 2002 stünde den Parteien danach nur eine Erhöhung von rund sechs Prozent zu.

Die Parteien haben in den vergangenen Jahren zehntausende Mitglieder verloren und geraten deshalb finanziell immer stärker unter Druck. Für von Arnim keinesfalls ein Grund, die Regeln zu sprengen: "Der Mitgliederschwund ist ein Problem, das die Parteien selbst lösen müssen." Sich dafür vom Staat und damit vom Bürger entschädigen zu lassen, sei geradezu widersinnig und widerspreche dem Geist der Verfassung. "Die Staatsfinanzierung soll sich nach der Verwurzelung der Parteien bei den Bürgern richten. Das Wegbleiben der Mitglieder deutet aber gerade auf eine abnehmende Verwurzelung hin", sagte von Arnim SPIEGEL ONLINE.

Von ihrem Plan abhalten kann die Parteien nur öffentlicher Druck, zu einer Klage wird es kaum kommen. Der Bürger hat in diesem Fall keine Klagebefugnis. Vor Gericht gegen die Erhöhung vorgehen könnten allenfalls Landesregierungen, die Bundesregierung oder eine große Gruppe von Bundestags-Parlamentariern. Dass die Politiker ihre Mutter-Organisationen vor Gericht zerren würden, ist indes äußerst unwahrscheinlich. "So ist es in Zeiten von großen Koalitionen", sagt von Arnim, "da passieren merkwürdige Dinge."

"Rücksichtslosigkeit, die kaum zu überbieten ist"

Das Erwerbslosen Forum sprach von einer "Rücksichtslosigkeit, die kaum noch zu überbieten ist". Eine derartige Selbstbedienung der Parteien sei angesichts der Einschränkungen vieler Menschen nicht zu rechtfertigen. Während Kinder von Eltern mit Hartz-IV-Leistungen noch nicht einmal Geld für Schulsachen hätten, wollten Union und SPD ihre Mindereinnahmen aufgrund sinkender Mitgliederzahlen kompensieren.

SPD-Innenexperte Wiefelspütz verteidigte die Pläne und sagte: "Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Alles in allem handelt es sich um eine Anpassung mit Augenmaß." Von Selbstbedienung könne keine Rede sein. Schließlich hätten die Parteien eine wichtige Funktion im demokratischen Rechtsstaat. "Das Finanzierungssystem für die Parteien stellt sicher, dass es keine einseitigen Abhängigkeiten von finanzstarken Interessengruppen gibt", argumentierte Wiefelspütz.

SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier hatte bereits am Freitag darauf hingewiesen, dass die Zuschüsse seit fünf Jahren nicht erhöht wurden. Laut Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1992 müsse es aber jedes Jahr eine Anpassung an die Preissteigerung geben. "Nun ist es an der Zeit", sagte sie.

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Re: Steuerzahler sollen Parteien sanieren
Beitrag von: Gulliver am 20 August, 2007, 09:44
Au Mann, ich könnt k..tzen.
Da machen wir uns Sorgen um den Haushaltsplan, wo doch so mit "Augenmaß" an die Sache ran gegangen wird.

Ich hab ja immer gesagt, bei den Wahlen haben wir nur die Möglichkeit, das kleinere Übel zu wählen.
So zu Sagen die Wahl zwischen Pest und Cholera, jetzt haben wir halt beides. :embarassed:
Titel: Re: Steuerzahler sollen Parteien sanieren
Beitrag von: Yessir am 20 August, 2007, 10:00
Jetz weiss ich auch, warum die Auswanderer-Dokus im Fernsehen so erfolgreich sind...
Titel: Parteienfinanzierung: Kauder gegen Griff in die Staatskasse
Beitrag von: SiLæncer am 20 August, 2007, 13:15
Die Pläne für eine geänderte Parteienfinanzierung rufen in der Großen Koalition unterschiedliche Reaktionen hervor. Während Unions-Fraktionschef Kauder strikt dagegen ist, verteidigt SPD-Generalsekretär Heil die geplante Erhöhung.

Berlin - Das Urteil fiel klar und eindeutig: "Da gibt es überhaupt keinen Ansatz für Neuregelungen", sagte Volker Kauder heute vor einer Sitzung der Parteispitze in Berlin. "Es bleibt beim bisherigen System." Es gebe eine "ganz klare gesetzliche Lage". SPD-Generalsekretär Hubertus Heil steht dagegen hinter den Plänen. Zwar seien die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen, er fände es aber "in Ordnung, dass man in einer Demokratie darüber redet", sagte Heil heute im Deutschlandradio Kultur.

SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz hatte am Sonntag Pläne der Großen Koalition bestätigt, den Parteien ab 2008 mehr Geld aus Steuermitteln zukommen zu lassen. Demnach ist eine Aufstockung der staatlichen Parteienzuschüsse ab kommendem Jahr um 20 Millionen auf 153 Millionen Euro pro Jahr geplant.

Heil hob den öffentlichen Auftrag der Parteien hervor: "Es geht jetzt darum, darüber zu reden, was notwendig ist, damit demokratische Parteien diesen Auftrag auch erfüllen können", sagte er dem Sender.

Der Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim kritisierte hingegen die geplante Erhöhung der Parteigelder. Dem Bayerischen Rundfunk sagte der Staatsrechtler, die staatlichen Parteizuschüsse könnten verfassungsrechtlich nur um sechs statt der geplanten 15 Prozent erhöht werden. "Die Obergrenze beträgt derzeit 133 Millionen Euro und Erhöhungen sind nur entsprechend der Preissteigerung möglich", sagte er unter Verweis auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts.

"Den Bürger bluten zu lassen, ist eine Umkehr der Verantwortlichkeit." Auch der angegebene Grund, die Wahlbeteiligung gehe zurück, sei "offen gestanden ein Für Dumm Verkaufen der Öffentlichkeit".

Auch die Grünen kritisieren die Pläne der Großen Koalition, die staatlichen Zuschüsse an die Parteien anzuheben. Grundsätzlich sei es vernünftig, dass vom Steuerzahler etwas für die Mitwirkung der Parteien gezahlt werde, sagte Grünen-Chef Reinhard Bütikofer im Sender n-tv. Es sei eine Stärke des deutschen Systems, dass die Parteien nicht vollständig angewiesen seien zum Beispiel auf Spenden von Unternehmen. "Aber dieser große Griff in die Kassen, von dem jetzt die Rede ist, der hat keine Begründung. Deshalb lehnen wir das ab", erklärte er.

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Parteienfinanzierung: Schneller Tod der Selbstbedienungs- Offensive
Beitrag von: SiLæncer am 21 August, 2007, 08:54
Mehr Steuergelder für die Volksparteien? Mit einem Multimillionen-Plan wollten SPD und Union angeblich ihre Parteikassen aufbessern, um den drastischen Mitgliederschwund auszugleichen. Doch jetzt will's keiner gewesen sein - die Idee ist nach heftigen Protesten tot.

Berlin - Die Sommerpause war kaum beendet, da begann der Alltag für die Große Koalition gleich mit einem Aufregerthema. Die "Bild am Sonntag" hatte über ein angeblich gemeinsames Koalitionspapier berichtet, das die Parteienfinanzierung revolutionieren könnte: Demnach sollen die Staatszuschüsse an die Parteien um 20 Millionen Euro auf 153 Millionen pro Jahr steigen, um Verluste wegen der sinkenden Mitgliederzahlen auszugleichen. Ein Gesetzentwurf sei in Vorbereitung.

Politiker der Opposition drohten sofort, sie würden das nicht mitmachen. Parteienforscher zeigten sich entsetzt über den geplanten Griff nach den Staatsgeldern.

Unklar ist allerdings, ob es überhaupt ein gemeinsames Papier gibt - oder lediglich durch einen gezielten anonymen Vorstoß ausgetestet werden sollte, wie viel Zuschusserhöhung die Öffentlichkeit überhaupt tolerieren würde. Denn schon am Montagmorgen gingen Union und SPD auf Distanz. Vor der Sitzung der CDU-Spitze am Montag sagte Unionsfraktionschef Volker Kauder: "Da gibt es überhaupt keinen Ansatz für Neuregelungen." Es bleibe beim bisherigen System. Es gebe da eine "ganz klare gesetzliche Lage".

Die Staatszuschüsse waren zuletzt vor fünf Jahren erhöht worden. Die gesetzliche Obergrenze liegt derzeit bei 133 Millionen Euro im Jahr, sie darf auf Grund der Inflation nun um sechs Prozent wachsen - rund acht Millionen Euro für alle Parteien.

Auch die SPD lehnte es am Montag ab, den Mitgliederschwund mit größeren Zuschüssen an die Parteien zu verbinden. Mitgliederentwicklung und Wahlzurückhaltung spielten keine Rolle bei der Erhöhung der staatlichen Zuschüsse, sagte SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier. Diese Position habe der SPD-Parteivorstand am Montag nachdrücklich bestätigt.

SPD-Chef Kurt Beck bekräftigte nach der Sitzung: "Wir werden die Prinzipien nicht verändern." Es gehe nur um die Anpassung der Staatszuschüsse an die Inflation, die "ab und an notwendig ist".

Das war offenbar auch ein Signal an die künftige SPD-Schatzmeisterin Barbara Hendricks. Denn die langjährige und erfahrene parlamentarische Staatssekretärin im Bundesfinanzministerium hatte mit Äußerungen über eine Koppelung der Mitgliederverluste an zusätzliche staatliche Mittel die Debatte erst angeheizt. Vor einer Woche hatte sie in der "Rheinischen Post" gesagt: "Demokratie braucht Organisationen. Und Organisation kostet Geld."

Quelle : www.spiegel.de
Titel: Re: Steuerzahler sollen Parteien sanieren
Beitrag von: berti am 21 August, 2007, 09:56
das scheint sich derzeit überall einzubürgern:

Zitat
oder lediglich durch einen gezielten anonymen Vorstoß ausgetestet werden sollte, wie viel Zuschusserhöhung die Öffentlichkeit überhaupt tolerieren würde

erstmal irgendwas im raum werfen und abwarten was passiert. Kommt gegenwind, will es keiner gewesen sein, oder man ist "missverstanden" worden.
Titel: Re: Steuerzahler sollen Parteien sanieren
Beitrag von: Jürgen am 21 August, 2007, 13:26
Dann mache ich einen Vorschlag, ganz offen und hemmungslos:

Anpassung der Parteienfinanzierung und Abgeordneten-Diäten nach der simplen und bekannten Formel 1+2:345
Und zwar bitte auch mit exakt derselben Laufzeit wie bei Hartz IV.

Wenn für die Elenden wirklich nicht mehr d'rin ist, sollte für die anderen Staats-Subventionen und -Alimentierungen genauso gerechnet werden.
Titel: Koalition will Diäten zum 1. Januar deutlich erhöhen
Beitrag von: SiLæncer am 05 November, 2007, 16:41
Die Fraktionen von Union und SPD wollen die Diäten bereits zum 1. Januar 2008 deutlich erhöhen: Die Abgeordnetenbezüge sollen zum Jahreswechsel um 330 Euro auf 7339 Euro angehoben werden und ein Jahr später um weitere 329 Euro auf 7668 Euro steigen. Das geht aus dem von den Koalitionsfraktionen vorgelegten Gesetzentwurf hervor. Die erste Anhebung auf 7339 Euro entspricht einer Steigerung von 4,7 Prozent, der zweite Schritt einer Erhöhung um 4,48 Prozent.

Außerdem sollen die Diäten in Zukunft automatisch steigen, wenn die Gehälter von Bürgermeistern kleinerer Städte und einfachen Bundesrichtern angehoben werden. Einschnitte wird es bei der Altersvorsorge geben: Künftig sollen pro Jahr der Zugehörigkeit zum Bundestag nur noch 2,5 Prozent der Diät als Altersversorgung gezahlt werden. Bisher sind dies drei Prozent. Zugleich soll das Renteneintrittsalter schrittweise auf 67 Jahre angehoben werden. Die Neuregelung kostet den Steuerzahler im Jahr 2008 rund 2,4 Millionen Euro, ab 2009 dann jährlich 4,8 Millionen Euro.

Quelle : http://de.news.yahoo.com
Titel: Re: Über dem Gesetz - die politische Klasse
Beitrag von: ionti am 05 November, 2007, 20:47
 
Ich finde, die Diätenerhöhung war längst überfällig!!

Wer sehr gute Arbeit leistet, soll auch fürstlich belohnt werden.
Und "unsere" Abgeordneten/Lakaien haben sehr gut gearbeitet für ihre wahren Herren.
Und siehe: Die Reichen sind sehr viel reicher geworden die letzten Jahre.
Und siehe: es ist ein schöner Krieg im Gange, der militär/industrielle Komplex wird es danken
Wenn das keine Gründe sind, sich selbst auch ein Stück vom grossen Kuchen zu gönnen.

ionti


Rudi Dutschke: »Ich gehe davon aus, daß der Mensch nicht dazu verurteilt ist, dem blinden Spiel der Zufälle in der Geschichte unterworfen zu bleiben.«  »Er hat sie (die Geschichte) schon immer gemacht. Er hat sie bloß noch nicht bewußt gemacht. Und jetzt muß er sie endlich bewußt machen.«
Titel: Der Fehler im System
Beitrag von: SiLæncer am 25 April, 2009, 21:08
Mit welcher Selbstverständlichkeit in Deutschland gegen die Grundsätze von Gewaltenteilung und unabhängiger Justiz verstoßen wird

In Nordrhein-Westfalen streiten sich SPD und CDU über die Besetzung eines vakanten Richterstuhls beim Verfassungsgericht. Dieses muss demnächst darüber entscheiden, ob die Verlegung des Kommunalwahltermins durch die CDU/FDP-Regierung rechtens war. Der neue Richter wäre Zünglein an der Waage, denn bisher standen vier SPD- drei CDU-Richtern gegenüber. Ein Richter der SPD schied jedoch aus – bezeichnenderweise, weil er in die Politik gewechselt ist. Nun steht es drei zu drei unentschieden. Dieser Streit verdeutlicht vor allem eins: Mit welcher Selbstverständlichkeit in Deutschland gegen die Grundsätze von Gewaltenteilung und unabhängiger Justiz verstoßen wird.

Begründet wird dies mit der angeblich notwendigen "Gewaltenverschränkung": Eine gegenseitige Kontrolle der drei Staatsgewalten sei nicht ausreichend. Jeder Gewalt müsse die Möglichkeit eingeräumt werden, die andere zur Verantwortung zu ziehen und ihre Fehler zu korrigieren. Doch die Begründung ist in diesem Fall dürftig, denn der Modus für die Wahl von Verfassungsrichtern bietet die Möglichkeit, missliebige Kontrolle von vornherein zu verhindern oder im Vorfeld Absprachen zu treffen. Die Unabhängigkeit der Verfassungsrichter wird also im Grunde nur dadurch gewährleistet, dass sie nicht wiederwählbar sind und wenigstens das Amt des Bundesverfassungsrichters in den meisten Fällen das letzte vor der Pensionierung ist. "Gewaltenverschränkung ist nichts anderes als ein vornehmerer Begriff für Machtverfilzung", meint dazu der Münchener Anwalt Bernd Tremml. Er klagt gerade im Auftrag der Opposition gegen den Entschluss der CSU/FDP-Koalition, der CSU durch die Änderung der Geschäftsordnung eine Blockademehrheit in den Ausschüssen zu verschaffen, obwohl sie selbst nicht mehr die Mehrheit im Landtag stellt.

Die indirekte Wahl eines Teils der Bundesverfassungsrichter durch einen Ausschuss des Bundestages wurde bereits in den 50-er Jahren vom Staatsrechtler Richard Thoma als verfassungswidrig bezeichnet. Karl Wilhelm Geck, Rainer Wahl und Hans Herbert von Arnim zogen denselben Schluss. Die Befürworter dieser Praxis – zumeist Politiker – sind sich der fehlenden Legitimation durchaus bewusst und argumentieren mit einer Art Gewohnheitsrecht oder der "Kraft des Faktischen". Diese könnten aber nur geltend gemacht werden, wenn diese Praxis anerkannt worden wäre – was die Diskussion an sich bereits widerlegt. Das Bundesjustizministerium sieht allerdings kein Problem: "Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür", meint ihr Pressesprecher Thorsten Bauer, "dass die verfassungsrechtlichen Vorgaben in Deutschland nicht umgesetzt werden."

Zudem tagt der Richterwahlausschuss nicht öffentlich und die Mitglieder des Ausschusses sind zur Verschwiegenheit verpflichtet. Ein wichtiges Verfassungsorgan wird also unter Ausschluss der Öffentlichkeit besetzt. Doch schon der Richterwahlausschuss ist nur eine Nachstufe: Die notwendigen Absprachen finden bereits in den "Findungskommissionen" von CDU/CSU und SPD statt. Auch dies sind Gremien, die das Grundgesetz nicht vorsieht.

Eine verfassungsrechtlich bedenkliche Richterwahl wiegt um so schwerer, je mehr Aufgaben und somit Macht den Richtern zuwachsen. Die jeweilige Opposition begreift die Verfassungsgerichte zunehmend als letzte Möglichkeit, um neue Gesetze noch zu verhindern. Es lässt bei den Bürgern Zweifel an der Kompetenz und Verfassungstreue des Gesetzgebers aufkommen, wenn dies immer wieder gelingt. Politische Auseinandersetzung und Gesetzgebung werden so von den Parlamenten in die Gerichte verlagert. Helmut Schmidt, dessen Reformvorhaben einige Male am Bundesverfassungsgericht gescheitert waren, bezeichnete es verärgert als Ersatzgesetzgeber. Inzwischen hat auch Bundespräsident Köhler das Bundesverfassungsgericht für sich und seine Nachfolger entdeckt. Er verweigerte mehrmals Gesetzen seine Unterschrift wegen verfassungsrechtlicher Bedenken.

Die zusätzliche Arbeit höhlt die rechtlichen Grundlagen des Bundesverfassungsgerichts noch weiter aus. Sie ist mit zwei Senaten ohnedies nicht mehr zu bewältigen; die Richter sind gezwungen, sich von Assistenten zuarbeiten zu lassen. Das Problem hierbei ist, dass von Richtern im Rechtsstaat verlangt wird, selbst die Fälle zu überblicken, über die sie urteilen. Aber das ist längst nicht mehr der Fall. Noch eindeutiger ist die Abhängigkeit der Verfassungsrichter in den Ländern. So ließ sich am Urteil des Hessischen Staatsgerichtshofs zu Studiengebühren die Parteizugehörigkeit der Richter ablesen. Sie stimmten so ab, wie ihre Parteifreunde im hessischen Landtag. Auch der Fall in Nordrhein-Westfalen legt zumindest den Verdacht der Beeinflussbarkeit nahe: Das aus dem Amt geschiedene ehrenamtliche Mitglied des Verfassungsgerichts ist SPD-Mitglied und hat ein politisches Amt übernommen.

In Bayern wiederum hatte die von 1962 bis 2008 alleinherrschende Partei CSU keine Kommissionen nötig. Dort genügt eine einfache Mehrheit des Landtages zur Wahl der Verfassungsrichter. Da diese Mehrheit bis dahin von der CSU gestellt wurde, fielen die Urteile entsprechend scharf aus, vor allem in Fragen der direkten Demokratie. Dennoch – oder gerade deswegen – scheiterte 2000 ein Volksbegehren, dass für die Wahl der Verfassungsrichter eine Zweidrittelmehrheit im Landtag durchsetzen wollte, an den hohen Hürden und einer weiteren Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs. Es hatte beschlossen, dass das Begehren in der vorliegenden Form unzulässig sei und geteilt werden müsse. Hier stellt sich die Frage, wer die Kontrollierenden kontrolliert und ob ein Verfassungsgericht über ein Bürgervotum urteilen darf, wenn es selbst betroffen ist.

Demnächst steht beim bayrischen Verfassungsgerichtshof die Entscheidung darüber an, ob die CSU einfach die Sitzverteilung in den Ausschüssen zu ihren Gunsten hätte ändern dürfen. Sie hat sich selbst eine Blockademehrheit gesichert, obwohl sie im Landtag nicht mehr die Mehrheit der Abgeordneten stellt. Es wird sich herausstellen, inwiefern ein Verfassungsgericht, dessen Richter nur von einer einfachen Mehrheit des Landtages gewählt wurden, dazu geeignet ist, demokratische Prinzipien zu schützen.

Ursprünglich sollte das Bundesverfassungsgericht sogar ganz der Politik unterstellt sein. Dass es nicht eine dem Justizministerium untergeordnete Behörde ist, wurde erst 1953 ist in einem Statusstreit entschieden. Die Gerichte der Länder sind noch stärker von der Politik abhängig und sind immer wieder Vereinnahmungsversuchen ausgesetzt: In Hamburg versuchte 2007 der damalige Justizsenator Carsten-Ludwig Lüdemann (CDU) offenbar, durch eine "Findungskommission" den Richterwahlausschuss der Hamburger Bürgerschaft auszuhebeln. Er wollte so einem nicht mehr an einem Gericht tätigen CDU-Mitglied zum Richteramt am Hanseatischen Oberlandesgericht verhelfen. Sein Vorgänger Roger Kusch ging unverhohlener zu Werke: Er verlangte, selbst eine Vorauswahl zu treffen.

Richter und Staatsanwälte stehen zudem unter direkter Dienstaufsicht durch Beamte. Denn die Gerichtspräsidenten gehören nicht etwa der Judikative, sondern ebenfalls der Exekutive an. Dies erleichtert es, Richter oder Staatsanwälte wie Winfried Maier, der maßgeblich an der Aufdeckung der CDU-Spendenaffäre beteiligt war, unter Druck zu setzen oder gleich von dem Fall abzuziehen, wie Peter Frey von dem Anlagebetrug der BfI.

Doch dürften diese offenen Methoden in den meisten Fällen nicht notwendig sein. Juristen im öffentlichen Dienst sind sich der Machtverteilung in den Justizbehörden und der damit verbundenen Karrierehindernisse durchaus bewusst. Parteibuch und Achtung der Tabus sind ebenso Karrierefaktoren wie juristische Kompetenz. Hinzu kommt in einigen Bereichen der Einfluss bestimmter Lobbys. So zog Gerd Nobbe, vorsitzender Richter des "Bankrechtssenats" des Bundesgerichtshofes, heftige Kritik von Fachleuten auf sich, weil er im Fall des Schrottimmobilien-Skandals durch eine fragwürdige Gesetzauslegung die Kredite der Banken von den betrügerischen Immobiliengeschäften trennte. Da der Vertragspartner des Immobiliengeschäfts inzwischen pleite war und den Schaden nicht hätte ersetzen können, hätten die Betrugsopfer die überteuerten Kredite für ihre überteuerten Immobilien selbst tilgen müssen. Dieses Urteil trieb einige Opfer in den Freitod und trug zur Finanzkrise in Deutschland bei. Wohl nicht zufällig hielt Nobbe mehrmals wahrscheinlich gut honorierte Vorträge bei Bankgesellschaften. Andere Richter haben sein Urteil inzwischen korrigiert, doch hatte dies für Nobbe keine Konsequenzen. Mehrere Strafanzeigen gegen ihn wurden ignoriert.

Deutschland gehört zu den letzten Ländern innerhalb der EU, die keine selbstverwaltete und unabhängige Justiz hergestellt haben. Die Stimmen aus Bürgerrechtsvereinen und Juristenverbänden mehren sich, dies endlich nachzuholen. Der Deutsche Richterbund hat einen Plan ausgearbeitet, der aber seit mehr als zwei Jahren ignoriert wird. Erst Ende Februar veröffentlichte auch die Neue Richtervereinigung ein Konzept, das seither ebenfalls ignoriert wird.

Die Erfüllung dieser Forderungen wird Wunschdenken bleiben, solange die politische Klasse selbst darüber entscheiden kann, ob sie einen Teil ihrer Macht abgeben soll oder nicht. Der Fehler liegt im System.

Quelle : www.heise.de
Titel: Deutschlands politische Klasse ist am Ende
Beitrag von: SiLæncer am 29 August, 2010, 23:00
Unter Deutschlands Politikern denkt kaum einer weiter als bis zum Ende der nächsten Legislatur

Mitte Juni wurden tausend Menschen im Auftrag des Spiegel  von TNS Forschung gefragt: "Wer ist eine moralische Instanz für Deutschland?" Anfang Juli folgte dann: "Wer verkörpert ein Deutschland, wie Sie es sich wünschen?" Die zweite Rangliste führt Günther Jauch an (84 Prozent), Joachim Löw ist dritter (82 Prozent) und Bastian Schweinsteiger vierter (77 Prozent). In der ersten Rangliste rangiert Günther Jauch (50 Prozent) auf Platz 8, knapp hinter Papst Benedikt XVI. (51 Prozent) und vor Margot Käßmann (49 Prozent), Günter Grass (44 Prozent) und Marcel Reich-Ranicki (43 Prozent). Ach, Politiker tauchen auch auf - ihre Riege wird in beiden Listen angeführt von … Helmut Schmidt (in der ersten 74 Prozent, in der zweiten 83 Prozent). Was sagt uns das über die politische Klasse Deutschlands?

Was erregte sich der Blätterwald, als Landesväter und Bundeslandesväter die Brocken hinwarfen. Mal lange vorbereitet, mal kurz entschlossen, mal nachvollziehbar, mal unerklärlich, mal fluchtartig, mal wohlüberlegt. Die Namen bedürfen keiner Aufzählung, sie sind bekannt. Wie immer die Vorgänge in der veröffentlichten Meinung auch bewertet wurden, in einem gingen all die Bekundungen einig: Sie betrachteten die Abgänge als Ausnahme, als Sonderheit. Ganz gleich, ob dies beispielsweise in einem Pro-Contra-Kommentar im "Handelsblatt" als "Rückzug aus freien Stücken" (Matthias Krupa) oder "Mangel an Verantwortungsbewusstsein" (Miriam Lau) bewertet wird – solcher Blick verengt über Gebühr und verkennt die drängende Problematik.

Gehen wir der Sache auf den Grund. Von den Gemeindevertretungen, den Bezirksvertretungen größerer Städte, den Stadt- und Kreisräten, den Landtagen bis zu Bundestag und Bundesversammlung - genau 288.648 Menschen sind gewählt, in der repräsentativen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland "das Volk" zu vertreten. Schon das ist eine beachtliche Zahl, aber natürlich sind im Politikbetrieb weit mehr Personen tätig. Berücksichtigt man alle bis zu den Politjournalisten und Lobbyisten, kommt man in Deutschland auf 479.972 Köpfe. Einzelheiten auch zu Österreich sowie der EU liefert diese Übersicht des Buchautors Hans-Peter Martin, der als unabhängiger, kritischer EU-Abgeordneter den dortigen Betrieb aufzumischen versucht:

(http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33205/33205_1.jpg)

Diese rein zahlenmäßige Bestandsaufnahme ergibt zunächst eine beträchtliche Gesamtgrößenordnung, so dass es durchaus berechtigt ist, von der Politik als "Branche" zu reden. Ungeachtet der Ergebnisse, die sie hervorbringt, ist die Politik ein Arbeitsplatzbeschaffer und Wirtschaftsfaktor von Stellenwert, wenn auch kaum bezifferbaren Umsätzen. Aber das nur nebenbei.

Nutzen wir das Zahlenwerk, um einen rein rechnerischen Durchschnittswert zu bilden, wie viele Bürger jeglichen Alters auf einen Abgeordneten entfallen, ergibt sich: Jeweils 284 Bürger/innen vom Baby bis zum Greis werden durch einen Abgeordneten in den politischen Entscheidungsprozessen vertreten. Eigentlich eine überschaubare, fast noch dem Nahbereich zuzurechnende Konstellation. Es nimmt sich aus, als wirke jede Nachbarschaft, jeder Straßenzug, jedes Quartier, jede Siedlung durch "ihren" Vertreter mit. Bei näherer Betrachtung trifft das sogar zu – jedoch nur auf lokalen Ebenen. In Gemeinden und Stadtbezirken, in Städten und Kreisen ist diese Nähe vorhanden, jedenfalls für den, der aufgeschlossen ist für sie oder sie sucht, und sei es auch nur für die Durchsetzung eigener Partikularinteressen.

Wenn wir den derart umrissenen Politikbetrieb bildlich als Eisberg nehmen und genauer betrachten, schwimmt der überwiegende Teil der ehren- und halbamtlich tätigen Volksvertreter im Wasser der Normalbürger. Lediglich der quantitativ kleinere Teil ragt über uns hinaus – und das sowohl faktisch als auch im übertragenen Sinn. Die auf Landes- und Bundesebene angesiedelte Spitze des Eisberges beherrscht der Typus "Berufspolitiker", also der Typus derjenigen Menschen, die vielleicht einen Beruf erlernt haben, aber ihren Lebensunterhalt mit und von der Abgeordnetenexistenz bestreiten. Dementsprechend geben im aktuellen Bundestag 350 von 622 Abgeordneten als Beruf (!) "Mandatsträger" an. Schon diese Tatsache erweckt den oft vorgebrachten Anwurf der "Abgehobenheit". Er gründet auf der Mutmaßung, die von den Wohnorten in die Metropolen verlagerte Existenz als Mandatsträger enthebe aller Fährnisse des "normalen Lebens". Eine wenig haltbare Vereinfachung, denn Berufspolitiker gewärtigen zwar andere, aber vergleichbare Fährnisse – Wieder-Nominierung, Wieder-Wahl, Berücksichtigung für Posten und Ämter stellen durchaus existenzielle Risiken dar.

Einer fundierteren These zufolge haben die Parteien und ihre hauptamtlichen Agenten den Staat zur alleinigen Beute genommen, obgleich sie laut Grundgesetz an der politischen Willensbildung des Volkes lediglich "mitwirken" sollen. Im "Parteienstaat" agiere die politische Klasse nicht nur innerhalb des Systems - und das oft genug zum eigenen Nutzen - , sondern forme das gesamte System nach ihren Bedürfnissen um. So viele Gründe diese Sicht für sich ins Feld führen kann, so sehr verfällt auch sie in eine Verengung der Perspektive. Denn selbst eine politische Klasse, die den "Parteienstaat" schafft und beherrscht, könnte in der Lage sein, größere als die gewöhnlichen Herausforderungen anzunehmen und zu meistern. Ja, sie müsste eigentlich sogar ein Interesse haben, ihre "Sore" zu bewahren, lebens- und womöglich auch zukunftsfähig zu erhalten.

Für keinen wesentlichen Bereich der Ökonomie haben Politiker substanzielle Gedanken

Schauen wir auf die Herausforderungen, vor denen das Gemeinwesen Bundesrepublik Deutschland derzeit steht, entdecken wir die tieferen Gründe für berechtigte Kritik an der politischen Klasse. Viele drängende Probleme sind lange bekannt, tausendmal analysiert und diskutiert, zigmal wurden sie mit Reförmchen angegangen, zigmal sind diese in Flickschusterei versandet: Keines der Systeme der sozialen Sicherung ruht auf einer gefestigten Perspektive; das Bildungswesen unterbietet anhaltend und systematisch seine Möglichkeiten, weder erfüllt es derzeitige, geschweige denn kommende Anforderungen; die Veränderungen der Altersstruktur der Bevölkerung werden nahezu tatenlos beobachtet; gleiches gilt für die Wandlungen in sozialer und räumlicher Struktur, von der Kleinkind- bis zur Altenbetreuung, vom Wuchern der Ballungsräume bis zum Sterben von Dörfern und Landstrichen; die Umgestaltung unserer Energieversorgung verkommt zum Spielball von Wirtschaftsinteressen; der Digitalisierung hechelt die Politik atem- und kopflos hinterher; die eigentlich auf der Hand liegende Ausrichtung der gesellschaftlichen Entwicklung an ökologischen Belangen erfolgt bestenfalls halbherzig, in jedem Fall ziellos. Und dann ist da noch das, was früher als "materielle Basis" einer Gesellschaft bezeichnet wurde.

Auch wenn viele Zeitgenossen diese simple Einsicht nicht (mehr) kennen oder anerkennen (wollen): Alle Antworten auf all die aufgeführten Fragen hängen entscheidend davon ab, wie es der Wirtschaft ergeht. Seit anderthalb Jahrhunderten hat sich die Wirtschaft der jeweiligen Deutschländer nicht nur behauptet, sie hat sich im Weltmaßstab besondere Positionen erarbeitet. Wir heutigen Bürger sind ohne Ausnahme Nutznießer dieser spezifischen Konstellation - und hoffen stillschweigend, es zu bleiben. Zumal gilt dies für Parteien wie "Die Linke", deren gesamtes Politikkonzept darauf gründet, dass andere erwirtschaften, was Lafontaine, Gysi & Co dann großzügig zu verteilen gedenken.

Von daher müsste es eigentlich gerade diese Partei sein, die die fundamentale Tätigkeitsverweigerung der derzeitigen politischen Klasse anprangert und zu beheben versucht: Für keinen wesentlichen Bereich der Ökonomie, geschweige denn für die Gesamtrichtung der Wirtschaft (wie der Gesellschaft) haben Politiker substanzielle Gedanken, Ideen, Vorstellungen erarbeitet. Alles, was ihnen einfällt, ist die gebetsmühlenhafte Beschwörung von Wirtschaftswachstum als Allheilmittel. Kaum dass einmal tatsächlich nennenswerte Wachstumsraten verkündet werden, fällt keiner einzigen Partei Anderes ein, als augenblicklich Wohltaten für ihre jeweilige Klientel zu verlangen.

Es muss beileibe kein fertiges Modell sein, es muss keine Megavision sein, es muss kein kühner Traum sein. Aber eine grobe Richtung, ein ungefährer Pfad mit Etappenzielen, wenigstens eine konkretisierte Ahnung, wie Deutschland in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren aussehen, agieren und funktionieren kann und vielleicht sollte - die Erarbeitung einer derartigen Wegweisung ist das Mindeste, was Bürger von ihrer politischen Klasse erwarten können. Das Erfolgskriterium ist selbsterklärend: Sich beliebige Teilbereiche herauszugreifen und deren bisherige Entwicklung zu extrapolieren, diese beliebte und als Gestaltung verkaufte Methode verdient die Note "ungenügend" mit der Anweisung "setzen". Gerade die sinnvolle und perspektivische Verknüpfung der Teilbereiche ist das Entscheidende.

So windig Frankreichs Hansdampf auch agiert, in dieser einen Hinsicht ist Nicolas Sarkozy tatkräftiger als alle deutschen Politiker: Seine Strategie setzt darauf, die Staatskontrolle über möglichst viele wichtige Unternehmen zu erlangen und knallhart einzusetzen. Zwar weicht er damit von der auch von Frankreich mit beschlossenen EU-Politik ab, der Staat solle sich auf die Regulierung der Wirtschaft beschränken. Aber seine Erwartung geht dahin, dass die solcherart gelenkte Industrie Frankreichs Gesamtinteresse, das selbstverständlich Sarkozy persönlich zu bestimmen vorhat, dient. Wenn alle Fäden an einer Stelle zusammenlaufen, eröffnet sich immerhin die Möglichkeit, eine übergeordnete Strategie verfolgen zu können.

Wirklich nachahmenswert ist dieses übersteigerte Zentralismuskonzept nicht – aber ohnehin denkt unter Deutschlands Politikern kaum einer weiter als bis zum Ende der nächsten Legislatur … Noch nicht einmal die Sicherung des personellen Nachwuchses für Deutschlands Motor für Innovationen und Export, den Maschinen- und Anlagenbau, bringt die politische Klasse zuwege. Im Jahr 2014 werden dort etwa 220.000 Fachkräfte fehlen, bei heute einer Million Beschäftigten – die Folgen sind unabsehbar. Statt dessen stehen Selbstbespiegelung und Selbstbeschäftigung obenan, als seien die Parteien und ihr Verhältnis zueinander die dringlichste Thematik dieser Gesellschaft. Noch die belanglosesten Fragen werden monatelang ernsthaft erörtert, völlig willkürlich aus dem Hut gezauberte Vorschläge für steuerliche Be- oder Entlastungen, für "Reformen", tauchen im Stundentakt auf und verschwinden ebenso unvermittelt wieder.

Die politische Klasse will verwalten statt gestalten

Welches sind die Ursachen, dass die politische Klasse noch nicht einmal schafft, zumindest tragende Elemente eines Konzeptes zu erarbeiten? Oder wenigstens verschiedene Vorschläge dafür? Das Durchschnittsalter der Abgeordneten liegt knapp unter 50 Jahren, sie sind also zumeist nach 1960 geboren – in die prägende Erfahrung hinein, dass alles vorhanden ist, dass alles funktioniert, dass man nichts wirklich selber erschaffen, sondern höchstens hinzufügen muss, dass alles "einfach" zu kaufen ist, und, vor allem, dass alles sowieso immer so bleibt, wie es ist (dies ist ein sozialpsychologischer Grund dafür, dass die deutsch-deutsche Neuvereinigung im Westen als bloße Erweiterung der alten Bundesrepublik empfunden wurde). Alles Nährboden dafür, dass Denken wie Agieren im Gespinst des Status quo und dessen Fortsetzung befangen sind und bleiben – das vorherrschende Charakteristikum bei unseren Mandatsträgern.

Die politische Klasse lebt diese Befangenheit in Reinkultur – sie will verwalten statt gestalten, sie will erhalten statt erschaffen, sie will ihre Positionen sichern statt gefährden, sie will Risiken umgehen statt eingehen. Das Große und Ganze? Die Gesamtgesellschaft? Ein Thema nur für Fensterreden. Soll sich doch wer anders konkreter damit befassen … So ergibt sich eine verheerende Diagnose: Unsere politische Klasse setzt das, für dessen Schaffung und Weiterentwicklung sie qua Amt zuständig und verantwortlich ist, als gegeben voraus. Bei ernsthafter Beschäftigung mit den großen Herausforderungen müsste man hart arbeiten, intensiv diskutieren, angestrengt denken und Farbe bekennen, man könnte vieles, auch alles verlieren, es ließe sich nicht mehr lavieren und alles offenhalten.

Wenn Oskar Negt im Spiegel konstatiert "Im Inneren dieser Gesellschaft brodelt es", dann ist das eine treffende Diagnose . Es brodelt nicht nur wegen der enormen Wandlungen und Erschütterungen, die unser aller Leben prägen, es brodelt auch wegen der Weigerung der politischen Klasse, die Verantwortung, in die sie hineingewählt und -delegiert wurde, tatsächlich an- und wahrzunehmen. Allein verzweifelte Kraftakte zur Rettung einiger ökonomischer Zentralsäulen unserer Gesellschaft bringen ihre Hauptakteure noch zuwege, indes Kraftakte, die lediglich Zeit kaufen.

Nicht ein paar Rücktritte, nicht Abgehobenheit, nicht Parteienstaat - dies ist die Misere. Und die Bilanz fällt düster aus: Diese politische Klasse ist am Ende. Am Ende nicht nur ihres Wollens und Könnens, sondern am Ende ihrer Daseinsberechtigung. Von ihr ist kein nennenswerter Beitrag zur Entwicklung unseres Gemeinwesens zu erwarten. Allein deshalb ist es der 91jährige Helmut Schmidt, der das höchste Ansehen wie Vertrauen genießt.

Wir Bürgerinnen und Bürger nehmen unser individuelles wie gemeinsames Schicksal doch besser in die eigenen Hände.

Quelle : http://www.heise.de/tp/
Titel: Höchstform bei der Selbstabschaffung
Beitrag von: SiLæncer am 08 April, 2011, 17:39
Niemand braucht diese politische Klasse

Es gibt Vorhersagen, da ist der Vorhersagende eher entsetzt, wenn tatsächlich eintrifft, was er vorhergesagt hat. Als wollte sie es auch noch dem allerletzten ungläubig gebliebenen Zeitgenossen klar machen, müht sich die politische Klasse Deutschlands derzeit heftigst, diesen Befund vom Herbst 2010 zu bestätigen: Deutschlands politische Klasse ist am Ende. Nicht nur am Ende ihres Lateins, auch am Ende ihrer Daseinsberechtigung. Überzeugender als durch das gegenwärtige Agieren von Politikern und Parteien lässt sich nicht zeigen, dass es für die BürgerInnengesellschaft von höchster Dringlichkeit ist, echte Alternativen hervorzubringen.

Die Situation der Gesellschaft

Wer es schafft, den Blick einmal über den heimischen Tellerrand schweifen zu lassen, und ernsthaft zur Kenntnis nimmt, wie es in der Welt steht und zugeht, wird im Bezug auf die Verfassung Deutschlands etwas klarer sehen. Selbst diese für heutige Zeiten selbstverständliche Übung ist der politischen Klasse eine Ausnahme, das Schmoren im eigenen Saft ist der Normal- und deshalb Dauerzustand.

Selbstverständlich reisen alle gerne ins Ausland, in die Welt; selbstverständlich schaut man sich dort um, ohne jedoch verstehen zu wollen – um anschließend heimzukehren und weiterhin Deutschland für den Nabel der Welt und das Maß aller Dinge zu halten.

Deutschland, bevölkerungsreichstes und wirtschaftskräftigstes Land Europas; eine Gesellschaft, die (noch) auf ein erhebliches Maß an innerem Zusammenhalt gründet, auch wenn Polarisierungs- und Spaltungstendenzen stärker werden; der Staat, der mit seinem Verzicht auf Großmachtgehabe und Waffenklirren, auf Nationalismus und Aggressivität weltweit mehr Vertrauen als jeder andere genießt; das Land, das mit seinem Hintergrund an geistigen und wissenschaftlichen Leistungen, an ökonomischer Stärke und zielgerichteter Effektivität für intelligente und hochwertige Lösungen steht; deshalb eigentlich prädestiniert, mit einer Orientierung auf ökologische Anforderungen wie geringstmöglichem Ressourcen- und Energieverbrauch, auf längstmögliche Halt- und Nutzbarkeit, auf optimale Angepasstheit jeglicher Lösung an die tatsächlichen Bedarfe bedeutsame Beiträge zur Erneuerung der Weltwirtschaft zu erbringen.

Die politische Klasse

Dieses Gemeinwesen ist einer politischen Klasse anvertraut, die wir WählerInnen in die Verantwortung hineingewählt haben. Es geht schließlich um Fragen und Herausforderungen, die unser aller Wohl und Wehe bestimmen. Indes weigert sich diese Klasse konsequent, diese Verantwortung tatsächlich an- und wahrzunehmen, geschweige denn auszufüllen.

Unsere politische Klasse setzt das, für dessen Schaffung und Weiterentwicklung sie qua Amt zuständig und verantwortlich ist, schlicht als gegeben voraus. Warum? Als Kinder der sogenannten "Wohlstandsgesellschaft" bilden unsere Politiker eine Ansammlung von Schönwetterakteuren, die in ihren bisherigen Leben als Existenzfragen Entscheidungen für diesen oder jenen Autotyp erlebt haben.

Erkennen nur noch die älteren unter uns BürgerInnen, welche Schmalspurcharaktere da maßgeblich über unser aller Schicksal entscheiden? Wem unter den "führenden" unserer knapp 290.000 gewählten VolksvertreterInnen nehmen Sie oder ich denn noch ab, dass das, was sie oder er bekundet, auch morgen, vielleicht sogar übermorgen noch gilt – von längerer Haltbarkeit gar nicht zu reden? Wem trauen wir überhaupt noch so etwas Altmodisches wie Überzeugungen zu? Aufgrund von Umfragen oder Wahlergebnissen oder Ereignissen die Positionen mit einer Beliebigkeit zu wechseln, als seien es Hemden … Und ist doch jemand darunter, der tatsächlich konsequent und glaubwürdig agiert – dann tut er es für Partikularinteressen welcher Couleur auch immer.

Warum schreien die jüngeren Generationen nicht auf? Haben sie sich bereits daran gewöhnt und damit abgefunden, dass sie von obendrein laienhaften Politikerdarstellern regiert werden? Sind sie unmerklich in die Mechanismen der allumfassenden Laberkultur hineingewachsen, dass sie nicht mehr wahrzunehmen vermögen, wie sie in Fluten von Geschwätz ohne den Hauch einer Substanz ersaufen? Wichtigste Eigenart dieser Personengruppe ist mittlerweile die Talkshow-taugliche wortreiche Substanzfreiheit, nahtlos in Geschmeidigkeit, Wendigkeit und damit Prinzipienlosigkeit mündend.

Was aktuell an panischen Reaktionen von und in den Parteien offenbart wird, spricht Bände und für sich. Neuausrichtungen und Neubesetzungen erfolgen nach Wahlniederlagen jetzt bereits über Nacht, ohne Ziel, ohne Richtung, vor allem ohne Inhalt. Wahlniederlagen werden schamlos zu Erfolgen, Opportunismus wird zu Prinzipientreue umgelogen. Rein wahltaktisch begründete Entscheidungen werden als wohlüberlegte Ratschlüsse und wir BürgerInnen für dumm verkauft. Kein noch so begnadeter Politsatiriker könnte erfinden, was die aufgescheuchten Hühnerhaufen derzeit vorführen.

All die Symptome brauchen hier nicht aufgelistet zu werden – ein Blick in die Medien offenbart tagtäglich, dass das Trauerspiel nicht allein anhält, sondern von allen Beteiligten intensiviert fortgeführt wird. Wen noch interessiert, aus welchen Gründen die einzelnen Parteien vor den aktuellen wie kommenden Herausforderungen versagen, mag in meinen Beiträgen zur Zukunftsfähigkeit der Parteien nachlesen. Auf der Strecke bleibt angesichts solcher Akteure das, was unser aller Schicksal entscheidend prägen wird – die Entwicklung der Gesamtgesellschaft. Völlig egal, ob wir es altbacken Gemeinwohl, technokratisch Gesamtinteresse oder auch nur verantwortliche Politik nennen, niemand, wahrhaftig niemand schert sich darum.

Es gibt weltweit zwei Gesellschaften, die ein höchst spezifisches Schicksal teilen – sie waren beide Opfer wie Nutznießer des "Phönix-Faktors". Japan und Deutschland, beide lagen aus eigenem Verschulden 1945 am Boden – physisch, psychisch wie moralisch. Beiden gelang es dennoch (oder gerade deshalb), einen ungeahnten Aufstieg zu nehmen, der sie nach den USA zu den wirtschaftsstärksten Nationen der Welt werden ließ. Wenn jetzt das Hochindustrie- und Hochtechnologieland Japan an den Abgrund eines dramatischen Teilzusammenbruchs getrieben ist, wenn der "Eastern Phoenix" (so der Titel der 1996 erschienenen Studie von Mikiso Hane), zu Teilen zurück in die Asche zu stürzen droht – dann sollte dem "Westlichen Phönix" klar sein, um was es geht.

Der "Fukushima-Effekt" war die entscheidende Nagelprobe, ob unsere politische Klasse zur ernsthaften Ausfüllung von Gesamtverantwortung fähig ist (auch die in Japan versagt). Angesichts der Dimensionen der Katastrophe hätten halbwegs besonnene Köpfe in Deutschland alles daran gesetzt, in möglichst übergreifendem Konsens einen möglichst raschen, aber geordneten Ausstieg aus der Atomenergie herbeizuführen. Was statt dessen geschieht … Sie wissen es: Pragmatiker praktizieren reine Wahlkampftaktik, Prinzipienlose schlagen atemberaubende Kehrtwenden, Heuchler wollen es immer schon gewusst haben.

Angeblich will die Bundesregierung den gebotenen Konsens jetzt doch noch herbeiführen – was abermals eine der panischen Ruder- und Rückruderaktionen darstellt. All die bekannten Defekte der politischen Klasse dürfen sich an dieser Frage in ihrer ganzen dramatischen Tragweite offenbaren. Neu ist daran eigentlich nichts – nur, dass alle Politiker und Parteien nun gleichzeitig darbieten können, wie kläglich es um sie bestellt ist. Aus diesem Grund ist diese Verdammung auch derart pauschal mehr als gerechtfertigt. Wer braucht solche politischen Vertreter, die zur Höchstform ausschließlich in Sachen ihrer Selbstabschaffung auflaufen … Niemand. Und das Schlimmste: Sie bemerken es nicht einmal ...

Der Sonderfall

Eine Partei muss indes gesondert betrachtet werden. Die Grünen waren in einer Position, dass sich zu ihren bestehenden und über nahezu drei Jahrzehnte ziemlich konsequent durchgehaltenen Antworten im Feld der Ökologie die passenden Probleme hinzugesellten. Ohne ihr Zutun. Sie jedoch deshalb als reine Fukushima-Profiteure anzusehen, geht fehl.

Wenn eine Partei erkennbare Zukunftsfragen (wie die nach der Sicherheit von Atomkraftwerken) frühzeitig aufnimmt und breiter gefasste Antworten (ökologische Umgestaltung der Industriegesellschaft) entwickelt, dann ist dies ein Verdienst. So sieht es auch ein erheblicher Teil der WählerInnen, der darin die Glaubwürdigkeit und Konsequenz vermutet, die den anderen Parteien abgeht.

Das Problem ist allein, dass der überragende und historische Wahlsieg der Grünen in Baden-Württemberg den Anfang ihres Abstieges darstellt. Was der massenhafte Zulauf an WählerInnen von den anderen Parteien den Grünen an Hoffnungen und Erwartungen aufbürdet – das kann nicht anders als zum Scheitern führen. Die Grünen sind zwar keine Ein-Thema-Partei mehr, jedoch sind sie auch nicht so breit aufgestellt, dass sie Ideen oder gar die Idee eines Gesellschaftsentwurfs verkörpern, der so etwas wie Kohärenz aufweist und deshalb aus sich heraus breite Akzeptanz erlangen könnte. Ihr wichtigstes Gut, die Glaubwürdigkeit, sind sie nun gezwungen, in der gesamten Breite der Politik unter Beweis stellen – was in vielen Politikfeldern zu Konflikten und damit zu Einbußen ebendieser Glaubwürdigkeit führen wird.

All die Wähler, voran die Neuwähler der Grünen, werden sich wundern, was in Ba-Wü alles auf der Agenda steht – die 240 Seiten des Wahlprogramms werden nicht eben viele BürgerInnen gelesen haben. Ausgenommen die AKW-Politik und vielleicht S21, wo ein fadenscheiniger Kompromiss erlangt werden wird, werden alle halbwegs gewichtigen Vorhaben, sobald sie ernsthaft durchgesetzt zu werden drohen, augenblicklich Proteststürme hervorrufen. Zuvörderst wird dies im bedeutsamsten Gestaltungsbereich einer jeden Landesregierung geschehen, der Bildungspolitik:

Zitat
Die Basisschule als Gemeinschaftsschule für alle Kinder sowie als innovative und leistungsfördernde Schule – Die Basisschule ist eine Gemeinschaftsschule für alle Kinder. Sie baut auf einer oder mehreren vierjährigen Grundschule/-n auf und soll in der Regel mindestens zweizügig sein, um die fachliche Spezialisierung der Lehrkräfte zu nutzen und eine vielfältige Profilbildung zu ermöglichen. Die Basisschule umfasst alle Bildungsgänge der Sekundarstufe I und führt nach dem 10. Schuljahr zu einem differenzierten mittleren Bildungsabschluss.
Wahlprogramm der Grünen in BW

Das Wahlvolk

Womit wir bei uns, beim Wahlvolk angelangt sind. All die Schwächen und Defizite der politischen Klasse sind auch unsere Schwächen – schließlich hat uns niemand gezwungen, diese Repräsentanten zu wählen. Wir haben es aus freien Stücken getan. Der "nach innen blickende Provinzialismus", den Joschka Fischer für die politische Klasse diagnostiziert, prägt die meisten Deutschen gleichermaßen. Geistig wird die Globalisierung in Deutschland nicht angenommen, ja, sie wird vielfach gar abgewehrt, indem Zuflucht innerhalb des vertrauten Horizonts gesucht wird. Alles möge so bleiben, wie es ist – diese unterschwellige Haltung großer Teile der Bevölkerung hat vor allem die Bundeskanzlerin bisher geschickt zu bedienen und nutzen gewusst.

Weil sich jedoch nicht wirklich verdrängen lässt, dass sich, selbst wenn alles so bleiben soll, vieles ändern muss, hat sich eine Neigung ausgeformt, die allen politischen Kräften, die tatsächlich gestalten wollen, heftig entgegenschlagen wird. Wenn sich nicht vermeiden lässt, dass etwas verändert wird, dann bitteschön woanders – aber nicht bei mir oder uns. So werden diejenigen, die im Lichte einer Katastrophe die Abschaltung der Atomkraftwerke befürworten, laut aufschreien, wenn neben dem eigenen Garten ein Strommast errichtet werden soll, der die dringend erforderlichen Leitungen für den Transport des Windstromes von Nord nach Süd trägt. Als Alternative werden sie darauf die unterirdische Verlegung der Stromkabel verlangen – und ebenso laut aufschreien, wenn diese wesentlich teureren Maßnahmen auf die Strompreise umgelegt werden.

Auch im Wahlvolk, ungeachtet aller Parteipräferenzen, sind die Belange der Gesamtgesellschaft, ist das Gemeinwohl nicht wirklich tief verankert. Selbst wenn es viele im Munde führen, Beiträge, Taten und Entscheidungen offenbaren ein anderes Bild. Da unterscheiden sich Politiker und Bürger nicht wesentlich. Klar lässt sich ein Gutteil der Verantwortung bei Medien ansiedeln, dass unsäglich-irrsinnige Debatten über erschlichene Doktortitel oder "gefahrvolles" E10 die Gemüter monatelang in Beschlag nehmen. Aber ohne ein gehöriges Maß an Empfänglichkeit und Bereitschaft in der Bevölkerung wäre dies nicht möglich.

Wenn ein Autor (übrigens ohne Nennung seines Namens) in Tagesspiegel und Zeit die "Lust auf eine neue politische Kultur" ausruft und bejubelt, wäre deren Aufkommen zwar begrüßenswert – es ist aber oberflächlicher Unsinn. Eine angesichts historischer Dramatik leicht angestiegene Wahlbeteiligung, ein vermehrtes Auf-die-Straße-gehen, ein gestiegenes Maß an Nachdenklichkeit, all dies macht noch lange keinen bürgerdemokratischen Politfrühling. Auch wenn hier und da zarte Pflänzchen aufblühen, wenn besorgte BürgerInnen die richtigen wichtigen Fragen zu stellen beginnen, das durch die Selbstabschaffung der politischen Klasse offenkundig werdende Vakuum ist beileibe nicht leicht zu füllen.

Zu lange haben wir BürgerInnen ignoriert oder auf die leichte Schulter genommen, was sich da über längere Zeit anbahnte. Nun ist es beim besten Willen nicht mehr zu übersehen – und wir sind unvorbereitet. Angesichts der dramatisch auf die Tagesordnung gelangten Grundfragen bleibt vielleicht nur, das heimatlos gewordene Gemeinwohl in einer schlagkräftigen, allein den Inhalten verantwortlichen Pressure-Group anzusiedeln. So einfach, wie es die Website Gemeinwohl vorführt, wird es leider nicht gelingen. Auf deren einziger Seite prangen nur diese beiden Worte: "It works!"

Nehmen wir dies als Ansporn. Ernsthafte Anregungen oder Vorschläge, wie wir BürgerInnen die heimatlos gewordenen Belange des Gemeinwohls wieder auf die Agenda bringen können, bitte an die Redaktion! Am Begriff arbeite sich bitte niemand ab, wir haben leider noch keinen besseren.

Quelle : http://www.heise.de/tp/
Titel: Thema verfehlt: Wenn Politiker ihre Zuhörer vergraulen
Beitrag von: SiLæncer am 30 Juni, 2011, 16:07
(http://static.gulli.com/media/2011/06/thumbs/370/sprichst-du-politik.jpg)
Den Jungwählern fehlen in der Politik Menschen, die Klartext sprechen und die ihren Zuhörern vermitteln, dass er einer von ihnen ist. Mit den sprachgewaltigen Worthülsen ohne Inhalt kommen die meisten Jugendlichen nicht gut klar, wie eine Studie der Friedrich Ebert Stiftung ergab. Es ist noch nicht zu spät. Immerhin besteht bei den Jugendlichen größtenteils noch Interesse an politischen Themen.

Ein Gymnasiast empfielt den Politikern, die ganze Partei sollte sich ausnahmslos bei der „Sendung mit der Maus“ einfinden und von denen lernen, wie man komplizierte Zusammehänge möglichst einfach erläutert. Ein anderer von der Friedrich Ebert Stiftung befragter Besucher der Sekundarstufe II beschreibt seine tagtäglichen Eindrücke vom TV-Konsum. Wenn er eine Rede aus dem Reichstag hört, denkt er sich: Hallo, was wollen die denn von mir? „Ich würde da einfach ganz normal reden, sodass es auch wirklich jeder versteht.“ Der Vorschlag klingt eigentlich simpel. Die Umsetzung ist es aber nicht. Letztlich scheinen sich noch immer viele Politiker schwer damit zu tun, in der Öffentlichkeit verständliche Sätze zu formulieren. Wenn der Inhalt von Ansprachen und Interviews aber das Publikum nicht erreicht, wurde das Ziel verfehlt. Die Problematik dürfte eben nicht nur Jugendliche betreffen, sondern nahezu alle Wähler der Bundesrepublik. In der Studie der Stiftung wird den Politikern empfohlen, konsequent Fremdwörter durch einfache Begriffe zu ersetzen. Weg mit der ganzen Rhetorik! Fakten statt Kunstwörter präsentieren! Wer frei spricht, den versteht man wahrscheinlich auch besser, weil er aus dem Stehgreif formulieren muss. Freie Reden erscheinen auch authentischer und glaubwürdiger als das reine Vorlesen von vorbereiteten Texten. Zudem wird allen Politikern unter anderem dazu geraten, kurze Sätze zu bilden und auf die in Berlin üblichen Schachtelsätze zu verzichten.

Im Resultat würden junge wie alte Wähler besser verstehen, was alles im Fernsehen ausgesagt wird. Die Distanz zwischen den Fronten reduziert sich und so kann wieder leichter Vertrauen entstehen. Auch könnte so mehr Interesse an den in Berlin behandelten Themen erzeugt werden. Wobei die SPD-nahe Friedrich Ebert Stiftung zum überraschenden Ergebnis kam, dass eine Vielzahl der Schüler schon jetzt grundsätzlich an politischen Themen interessiert sind. 53 Prozent der Frauen und 76 Prozent der jungen Männer gaben an, dass sie sich sehr für politische Themen interessieren. Über die Hälfte sagte sogar, dass sie für die Entwicklung der Politik mit verantwortlich seien. Das bedeutet aber nicht automatisch, sich politisch zu engagieren. Mehr als zwei Drittel der Befragten waren der Meinung, es koste „Zeit und Mühe“, um sich dort zurechtzufinden. Fast 60 Prozent der Jugendlichen sind sogar der Überzeugung, dass Politiker absichtlich ihre gehobene Sprache benutzen. Knapp 80 Prozent der Teilnehmer der Umfrage gehen die in schöne Worte gepackten aber inhalsleeren Aussagen auf den Geist. Wer einen Dialog durchführen will, muss sich normal verständig machen. Das heißt aber nicht, dass das Gespräch in Teeniedeutsch geführt werden sollte.

Die nächste Botschaft richtet sich an die Medien. Sie sollen nicht einfach ungefiltert die künstlichen Floskeln der Politiker/innen übernehmen. Verständliche Beiträge die aufklären sind gefordert und keine Kopie der Sprache der Parlamentarier. Zudem wird auch hier dazu aufgerufen, in den Medien weniger Streitgespräche und weniger Rhetorik zu präsentieren.

Die dritte und letzte Botschaft der Schüler dreht sich um die Gestaltung der Bildungspolitik. Die Jungwähler wollen mehr Politikunterricht, früher, neutraler und vor allem praxisnaher. Nur so können aus jungen Menschen irgendwann mündige Staatsbürger werden.

Die Untersuchung kann hier (http://exit.gulli.com/url/http://www.fes.de/aktuell/documents2011/110629_SprichstduPolitik.pdf) ungekürzt als PDF bezogen werden.

Quelle : www.gulli.com