In drei Jahren geht ein langer Zyklus des Maya-Kalenders zu Ende, was ein Beben in der Esoterik-Szene verursacht hat
"Die flache Schale mit den Papierstreifen vor der Brust erhoben, machte Frau Groß-Schädel-Null ihrem Bruder mit dem Kopf ein Zeichen. Wie zuvor ihre Schwiegermutter streckte sie die Zunge, soweit sie konnte, hervor. Groß-Schädel-Null bohrte die Obsidianklinge mit einer einzigen zielgerichteten Handbewegung durch die Zunge seiner Schwester; dann händigte er die blutige Klinge Vogel-Jaguar aus. Den Blick unverwandt in die Augen seines neuen Anverwandten, des zukünftigen Königs von Yaxchilan, versenkt, verharrte Groß-Schädel-Null in vollkommener Reglosigkeit, während Vogel-Jaguar seine Zunge durchbohrte."
Dieses Zungen-Piercing fand neun Tage nach der Vater-Sohn-Klappenstab-Zeremonie am 1. Juli 741 statt, oder wie die Mayas gerechnet hätten, am 9.15.10.0.1. im fünfzehnten Katun. Nachlesen kann man das Ereignis am Türsturz 14 in Tempel 20 in den Ruinen der Maya-Stadt Yaxchilan im Dschungel von Mittelamerika, zu denen zum ersten Male der österreichische Ingenieur Teobert Maler vordrang.
(http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31738/31738_1.jpg)
Ausschnitt der La Mojarra Inschrift (Linke Spalte: Langzeitkalender)
Dass wir das genaue Datum dieser Zeremonie wissen, hängt von der Rechenfertigkeit der alten Mayas ab. Sie entwickelten nämlich einen ziemlich komplizierten Kalender: Während wir unsere zehn Finger als Vorlage für das Dezimalsystem nahmen, packten die Mayas noch ihre Zehen hinzu und rechneten mit einem sogenannten Vigesimalsystem, also einem Zwanzigersystem. Während wir die Zeit in Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende gliedern, taten dies die Mayas in Zyklen von 20 Jahren (katun genannt) und von 400 Jahren (20 x 20, baktun genannt). Auf dieser Grundlage entwickelten sie einen Kalender, der Äonen umfasst und der von der Wissenschaft als "Lange Zählung" bezeichnet wird. Der Nullpunkt dieses Kalenders ist der Tag 13.0.0.0.0. der Langzeitrechnung und ist identisch mit unserem 11. August 3114 v. Chr.2
Nun ist es so, dass an unserem 23. Dezember 2012 (andere Berechnung nennen den 21. Dezember) mit dem Mayatag 13.0.0.0.0. 4 Ahau 3 Kankin eine Langzeitperiode des Mayakalenders zu Ende geht und ein neuer Zyklus beginnt – und das ist der Grund, warum ein Beben durch die Esoterik-Szene geht. Weltuntergang oder Weltneuanfang ist dort die Frage, aber auch seriöse Blätter wie die "Süddeutsche Zeitung" nehmen sich des Themas an und führen zum Beispiel ein Interview mit Nikolai Grube, Medien-Maya-Experte der Uni Bonn. Der sagt zwar einerseits, dass der Kalender nur das Datum hergibt, aber keine Hinweise auf Katastrophen. Andererseits sagt Grube, die Zahl 13 habe für die Mayas eine große Bedeutung gehabt und dass manche Zyklen danach wieder auf eins umschalten.
Andere Blätter wie die "Astro Woche" wissen hingegen "Was wirklich geschieht" und kündigen gleich das "Horoskop Ihres NEUEN LEBENS. In einer BESSEREN WELT" auf Seite 8 an. Das liest sich gar nicht so schlecht, der Mensch im Sternzeichen Skorpion etwa soll zum Magier, zum großen Heiler werden und immerhin: "Sie werden nicht mehr Ihren Ehrgeiz in einem lebensfremden Beruf ausleben", ist da zu lesen. Auch die Fische haben kein schlechtes Los: "Ihre Wohngemeinschaft in Holzhäusern, alten Bauernhöfen in unberührter freier Natur wird die revolutionärste Prägung haben." Das hört sich irgendwie auch nach Gruppensex oder Kommune 1 an und ist damit aber immer noch meilenweit besser als die Untergangsfilme von Katastrophen-Emmerich.
Nun ist es aber auch so, dass an dieses Datum so ziemlich alle Verschwörungstheoretiker und Verrückten dieser Welt andocken und wir nur sehr schwer zu einem eigenen Urteil gelangen können. Und das Internet zeigt hier, was es kann und wie wir darin ertrinken können. Auf manchen der dem Datum gewidmeten Seiten kann man freundlicherweise darüber abstimmen, ob die Welt untergeht (oder "ist mir egal ankreuzen"), eine andere hingegen zählt schon mal die verbleibenden Tage, lässt uns aber auch wissen, dass einer bulgarischen Hellseherin zufolge der Dritte Weltkrieg und damit das Ende bereits 2010 ausbricht. Oder wir erfahren von den Bewohnern des Planeten Erra (er liegt angeblich ca. 400 Lichtjahre von der Erde entfernt im Sternsystem der Pleiaden), die unsere Erde endgültig am 21. Dezember 2012 übernehmen werden. Ob Erich von Däniken, der Sonnenfleckenzyklus, Polsprünge, Nostradamus, die Weissagungen der Hopi-Indianer, Planetenkonstellationen, die Illuminaten, Freimauerer, Bunker auf Spitzbergen oder grüngelbe Aliens - wer den 21.12.2012 googelt, hat die Büchse der Pandora geöffnet und stürzt hinab in die unendlichen schwarzen Weiten des Internets.
Es gibt zwei Dinge, die an diesem Datum wirklich interessant sind. Das eine ist die Betrachtung des 21./23. Dezember 2012 als Projektionsfläche für zeitgenössische Wünsche, Ängste und Sehnsüchte. Jenseits aller skurrilen Pfade oder kommerziellen Absichten beschäftigen sich auch manche ansonsten als glaubwürdig angesehene Zeitgenossen mit diesem Tag und erwarten ein Ereignis – und oft ist damit ein Erlösungsgedanke verbunden, auf dass die Menschheit sich aus dem irdischen Jammertal erheben möchte. Das Datum der "Langen Zählung" ersetzt so quasi die "große Erzählung", deren Ende die Postmoderne ja verkündete. Das meint, dass die Kraft von Utopien und gesellschaftlichen Entwürfen mittlerweile verblasst ist, weder der technische Fortschritt noch der kommunistische Umsturz haben die Hoffnungen erfüllt, die sie geweckt haben. Das Licht im Dunklen kommt nun also durch die Zeit oder durch eine bestimmte Planetenkonstellation, beides Erscheinungen, die jenseits des menschlichen Willens stehen.
Und die zweite interessante Sache an diesem Datum ist, dass wir es in naher Zukunft erleben werden und dann wissen, was es mit all den Prophezeiungen auf sich hat.
Quelle : http://www.heise.de/tp/