Trotz des Wirtschaftswachstums in Deutschland sind Löhne und Gehälter nur leicht gestiegen - jedenfalls weniger als die Einkommen aus Unternehmensgewinnen. Das Statistische Bundesamt bestätigte heute: Die Einkommensschere öffnet sich weiter.
Berlin - Während Unternehmensgewinne und Vermögenseinkünfte 2006 erneut kräftig zulegten, mussten sich die Arbeitnehmer zum siebten Mal in Folge mit einem geringeren Anteil des Volkseinkommens begnügen. "Die Einkommensschere zwischen Arbeitnehmerentgelt und Unternehmenseinkommen hat sich weiter geöffnet", sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Walter Radermacher, heute bei der Bekanntgabe des Bruttoinlandsproduktes (BIP) für 2006.
Die Arbeitnehmerentgelte legten um 1,3 Prozent zu, die Einkommen aus Unternehmensgewinnen und Vermögen mehr als fünfmal so viel, nämlich um 6,9 Prozent. Netto lagen Löhne und Gehälter 0,3 Prozent über dem Niveau des Vorjahres.
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Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger kritisierte den geringen Lohnanstieg. Die Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre habe zwar die deutsche Exportindustrie enorm gestärkt, aber auch den privaten Konsum gebremst, sagte er der Nachrichtenagentur Reuters. "Das ist eine sehr einseitige Strategie, die insgesamt dazu geführt hat, dass die Wachstumsdynamik in Deutschland schwächer war als in anderen europäischen Ländern." Der Aufschwung habe deswegen keine Breite entfaltet. "Damit das funktioniert, müssen wir von der Lohnzurückhaltung weg zu einer normalen Strategie mit einem nominellen Anstieg der Löhne von rund drei Prozent."
Bundesbanker warnt vor überzogenen Lohnforderungen
Seit 2000 sank der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen von 72,2 auf 66,2 Prozent, während der Anteil der Unternehmensgewinne und Vermögenseinkünfte - wie Zinsen und Dividenden - entsprechend zunahm. "Das heißt, dass der Anteil der Arbeitnehmer am Kuchen geringer wird", sagte Bofinger.
Bundesbank-Vorstandsmitglied Hans Reckers hingegen warnte in einem Zeitungsinterview, überzogene Lohnforderungen würden die Stabilität des Euro gefährden. Wichtiger als hohe Tarifabschlüsse sei die Sicherheit von Arbeitsplätzen: "Die maßvolle Lohnpolitik der letzten Jahre hat in Deutschland Beschäftigung geschaffen", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Auch der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, Michael Hüther, forderte in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung", die Lohn- und Gehaltszuwächse müssten unterhalb der Produktivitätssteigerung - im vergangenen Jahr 1,8 Prozent - bleiben.
Insgesamt nahm das Volkseinkommen 2006 um 3,1 Prozent auf 1,728 Billionen Euro zu, 2005 war der Anstieg mit 1,5 Prozent nur etwa halb so groß gewesen. Pro Kopf lag das Volkseinkommen bei rund 21.000 Euro. Die deutsche Wirtschaft war im vergangenen Jahr um 2,5 Prozent gewachsen nach 0,9 Prozent 2005.
Quelle : www.spiegel.de
Während Gewinne und Vermögenseinkommen sprudeln, haben die unteren Einkommensschichten immer weniger Geld in der Tasche
Viele Erfolge hat die schwarz-gelbe Regierung nicht vorzuweisen. Das weiterhin vorhandene Wirtschaftswachstum wird daher gerne als Ergebnis der eigenen Politik in Anspruch genommen, um gleich wieder eine nicht durch eine Reichensteuer gegenfinanzierte Steuerentlastung zu fordern, von der offensichtlich weniger die mittleren Einkommen, sondern auch wieder die höheren am stärksten profitieren würden.
Gut, dass Bundeskanzlerin nicht schon wieder direkt behauptet hat, dass der Aufschwung bei allen ankommt. Das macht er nach einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), für die die neuesten Daten des soziooekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet wurden, nicht. Ganz unten nämlich, wie DIW-Verteilungsforscher Markus Grabka der Berliner Zeitung sagte, wird heute weniger verdient, während die Nettoeinkommen der besser Verdienenden leicht um ein Prozent gestiegen sind - und die Gewinne und Vermögenseinkommen deutlich gewachsen sind. Insgesamt sind die realen Nettogehälter zwischen 2000 und 2010 um 2,5 Prozent gesunken. Getroffen hat dies vor allem die drei untersten Einkommensschichten. Hier sind die Nettolöhne preisbereinigt seit 2000 um 16 bis 22 Prozent gesunken: "Bei den meisten Erwerbstätigen ist von dem Wirtschaftswachstum nichts angekommen", erklärt Grabka.
Die Gesellschaft driftet also weiter auseinander, bislang hat Schwarz-Gelb dem Trend nur zugeschaut, möglicherweise hofften manche, gefangen in der liberalen Ideologie, dass die Vermehrung des Reichtums an der Spitze irgendwann zu den einkommensschwachen Schichten gelangen werde. Ein Grund ist die Ausweitung des Niedriglohnsektors und der Leiharbeiter-Beschäftigung, dazu kommt, dass noch immer kein flächendeckender Mindestlohn eingeführt wurde. Die Senkung der Unternehmenssteuern oder des Spitzensteuersatzes spielt bei der seit der rot-grünen Regierung begonnenen Umverteilung von unten nach oben ebenso eine Rolle wie die große Lohnsteuerbelastung und die niedrige Steuerbelastung auf Gewinnen und Vermögen.
Quelle: http://www.heise.de/tp/